Vom Abschied zur Asche
Ein Dutzend.
Sie standen versammelt, die Köpfe gesenkt. Manche in ein stilles Gebet versunken, andere starr vor sich hin blickend, als könnten sie den Anblick nicht länger ertragen. Ein Feuer brannte bereits – jenes, das für ihre Feinde bestimmt war. Alle trugen die gleichen Spuren: Ruß auf der Haut, Blut an Rüstung und Händen, der beißende Geruch von Rauch in Haar und Kleidung. Gezeichnet vom Kampf. Vom Feuer. Vom Verlust.
Sie waren gekommen, um ihren Brüdern und Schwestern die letzte Ehre zu erweisen.
Die Kommandantin stand gemeinsam mit Cinis und Ajahra dem Rest des Ordens gegenüber. Schweigen. Langes, drückendes Schweigen. Als Vivienne schließlich den Blick hob, zerbrach es.
„Meine Brüder … meine Schwestern.“
Ihre Stimme war ruhig, doch sie lag brüchig in der Luft, als könne sie jeden Augenblick reißen.
„Wir stehen heute hier nicht als Sieger.“
Eine lange Pause folgte. Sie suchte nach Worten – oder nach der Kraft, sie auszusprechen.
„Heute ehren wir keine Helden.“
Sie wirkte gefasst. Sie versuchte es. Doch das Herz der Eisernen Lady war gebrochen, und je mehr sie es zu verbergen suchte, desto deutlicher trat es zutage. Ihre Stimme zitterte. Tränen sammelten sich in ihren Augen.
„Nein …“
Ein Atemzug, scharf, schmerzhaft.
„Wir stehen heute hier, um Abschied zu nehmen.“
Sie ließ den Blick über die Reihen schweifen.
„Manche von ihnen nannte ich erst gestern noch beim Namen. Manche von ihnen waren nicht einmal zu Männern, zu Frauen herangewachsen.“ Ihre Stimme brach. Sie schluckte schwer.
„Und doch haben sie gekämpft. So tapfer. So unerschütterlich.“
Die Fassung riss endgültig.
„Sie kämpften für den Orden. Für uns. Mit allem, was sie hatten. Sie trotzten dem Bösen mit ihrem Mut, mit ihrem Glauben, mit ihrem Leben.“
Ein leiser Schluchzer entrang sich ihr, den sie nicht länger unterdrücken konnte.
„Und sie zahlten den höchsten Preis.“
Sie wischte sich die Tränen nicht fort. Sie ließ sie fließen.
„Nie wieder werden wir ihr Lachen hören. Nie wieder ihre Gebete, ihre Zweifel, ihre Hoffnung. Nie wieder ihre Freude – oder ihren Schmerz.“
Ihre Stimme sank zu einem Flüstern.
„Sie sind fort. Für immer.“
Ein Zittern ging durch ihre Schultern.
„Viele von ihnen waren nicht anders als wir.“
Sie hob den Kopf, als wolle sie sich selbst zwingen, weiterzusprechen.
„Verlorene Kinder. Ausgestoßene. Vergessene.“
Ihre Stimme wurde fester. Nicht stark – aber standhaft.
„Doch hier … hier fanden sie eine Familie. Eine Bestimmung. Einen Platz in dieser Welt.“
Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Sie waren unsere Brüder. Unsere Schwestern. Mit Leib und Seele.“
Ein weiterer Atemzug. Tief. Schwer.
„Und nun … können wir nur noch für ihre Seelen beten.“
Ihre Stimme hob sich.
„Ich bete zu Stendarr. Zu allen Göttlichen.“
Sie schloss kurz die Augen.
„Mögen sie ihnen gnädig sein. Mögen sie sie an Orte führen, fern von Schmerz und Leid.“
Ihre Stimme bebte.
„Sie sollen Frieden finden. Ruhe finden.“
Sie öffnete die Augen.
„Sie haben ihre letzte Schlacht geschlagen.“
Ein Moment der Stille.
„Und selbst wenn niemand sonst um sie trauern wird – ich werde es.“
Ihre Stimme war nun klar. Entschlossen.
„Um jeden Einzelnen von ihnen. Denn jeder, der uns genommen wurde, war einer zu viel.“
Sie richtete sich auf.
„Brüder. Schwestern.“
Ein letzter Blick über die Reihen.
„Lasst uns gemeinsam beten. Gemeinsam trauern. Um die Familie, die wir verloren haben.“
Vivienne hob die Fackel, die sie die ganze Zeit bei sich getragen hatte. Die Flammen warfen ein flackerndes Licht auf ihr tränengezeichnetes Gesicht.
„Entzünden wir ein Leuchtfeuer, damit sie ihren Weg durch die Dunkelheit finden.“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
„Lebt wohl, Kinder des Ordens.
Lebt wohl, Freunde.
Lebt wohl, Geschwister.“
Ein kurzer, gebrochener Atemzug.
„Lebt … wohl.“
Sie ließ die Fackel fallen. Die Scheite entzündeten sich augenblicklich. Flammen schlugen empor, hüllten die zahllosen Toten in Feuer und Licht.
Einige der Anwesenden brachen schluchzend zusammen, andere hielten sie fest. Niemand sprach ein Wort. Dunkler Rauch schraubte sich in den Himmel – der Sonne entgegen.
Cinis stand im stillen Gebet neben Vivienne, während diese ihre Worte leise und flüsternd an die Hinterbliebenen richtete. Es waren Worte, die den Seelen der Gefallenen den Weg nach Aetherius weisen sollten. Als Vivienne schließlich das Feuer entzündete, holte Cinis einen groben, schmiedeeisernen Korb hervor, der mit kleinen, schwarz-silbernen Kügelchen gefüllt war – eine für jeden, der im Kampf geblieben war. Sachte schob sie den Korb ins Zentrum der Flammen. Ohne ein anderes Geräusch als das Knistern des verzehrenden Feuers stiegen kurz darauf Lichtfunken mit dem Rauch empor; ein Funke für jede Seele, die nun von hinnen zog.
Ajahra hielt während der gesamten Rede den Kopf gesenkt. Ihre Rüstung war in der Kürze der Zeit nur notdürftig gereinigt worden; ein dicker Verband umschloss ihren linken Oberschenkel, während sie sich mühsam auf zwei Krücken stützte. Erst als die Flammen hochloderten, hob sie den Blick und sah ein letztes Mal auf die aufgeschichteten Leiber ihrer Kameraden.
„Lebt wohl … Freunde, Kameraden, Lehrer und Schüler“, murmelte Cinis leise und sah den aufsteigenden Lichtern nach. Funken stoben empor und vermischten sich mit dem dunklen Rauch, der gen Himmel zog. Für einen flüchtigen Augenblick fühlte es sich an, als streife ein wohlwollender Windhauch über ihre Gesichter, um den Rauch und die Funken davonzutragen – dorthin, wo der Schmerz der Welt vielleicht leichter wog.