Beiträge von Valdrigue

    [DB] Glenumbra, Aldfelden


    „Du bist wirklich durch den Sumpf gekommen?“

    „Gestern erst. Mit dem Wagen.“

    „Durch den Sumpf?“

    „Aye.“

    „Und?“

    „Und was?“

    „Na, der Nebel. Die Frau. Das Kinderlachen.“


    Der Mann schwieg einen Moment, ehe er mit den Schultern zuckte.


    „Nichts. Ein paar Irrlichter vielleicht. Der Weg war schlammig wie immer, aber sonst … nichts.“

    „Merkwürdig.“

    „Warum?“

    „Weil du nicht der Erste bist, der das erzählt. Seit einigen Tagen kommen wieder Händler durch. Sogar nach Einbruch der Dämmerung.“

    „Dann waren die Geschichten wohl doch nur Geschichten.“

    „Möglich.“


    Eine kurze Pause.


    „Alfred, der Bibliothekar, soll jedenfalls Besuch gehabt haben, kurz bevor es aufgehört hat.“

    „Ein Bibliothekar hat bestimmt ständig Besuch.“

    „Nicht solchen. Ein junger Kerl, bleich wie ein Leichentuch. Und ein Khajiit.“

    „Was wollten die?“

    „Woher soll ich das wissen? Sie sind in den Sumpf gegangen.“

    „Und wieder herausgekommen?“

    „Offenbar.“

    „Dann haben sie wohl einfach Glück gehabt.“

    „Vielleicht.“


    Wieder entstand Schweigen.


    „Der Müller behauptet übrigens, er hätte vorgestern nachts Kinder lachen hören.“

    „Siehst du.“

    „Nein. Nicht wie früher.“

    „Was soll das heißen?“

    „Es wurde immer leiser.“


    Der Mann nahm einen Schluck.


    „Als würden sie fortgehen.“


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    Was verborgen blieb Teil 2


    Zum Glück hatten Ajahra und Cinis etwas entdeckt. Historica. Schrank drei. Fach zwei. Buch drei. Von den Vier Abscheulichkeiten. Band eins und zwei standen dort, dann folgte eine Lücke und schließlich Band vier. Genau dasselbe Bild wie im Unterschlupf. Das Verzeichnis verriet zumindest, dass Vater selbst den fehlenden dritten Band zuletzt aus dem Archiv entnommen hatte. Natürlich Vater. Wer sonst? Eric glaubte mittlerweile kaum noch daran, dass irgendetwas in Verbindung mit dem Großmeister jemals einfach sein konnte. Doch Ajahra spürte etwas. Magie, genau an jener leeren Stelle. Cinis bemerkte sie ebenfalls mit ihrem Amulett und erkannte, dass ein Zauber auf dem Regal lag, der dort etwas verschlossen hielt. Als Ajahra den Bann brach, erklang ein leises Knacken und ein Teil der Rückwand sprang hervor. Dahinter lag ein einzelnes Buch. Schwarzes Leder, goldene Lettern. Von den Vier Abscheulichkeiten: Band III – Lykanthropen. Eric betrachtete das Werk lange. Es war nicht das, weswegen sie gekommen waren, keine Antwort für Ajahra und keine Spur zu ihrem Siegel. Dennoch hielten sie plötzlich genau jenes Buch in den Händen, das in der Sammlung des Unterschlupfs gefehlt hatte. Ein kleiner Erfolg, hatte Ajahra gesagt. Vielleicht. Eric hatte in letzter Zeit gelernt, Erfolge zu nehmen, wie sie kamen. Sie verließen die Priorei, doch sie verließen sie nicht allein. Shael packte ihre Aufzeichnungen, Reagenzien und vermutlich alles andere ein, was nicht schnell genug weglaufen konnte. Cinis hatte ihr einen Arbeitsplatz angeboten, schlechter ausgestattet als das Labor der Kirche, dafür mit deutlich weniger Einschränkungen. Für Shael war das offenbar ein überzeugendes Argument. Ob diese Entscheidung für alle anderen ebenfalls eine gute Nachricht war, würde sich vermutlich noch zeigen. Clavius dagegen brauchte länger. Eric konnte es verstehen. Der Junge ließ sein Zuhause zurück, wieder einmal, nur diesmal aus eigenem Willen. „Vergangen ist vergangen“, hatte Eric ihm schließlich gesagt. „Vor uns liegt etwas Ungewisses. Aber diesen Weg gehen wir gemeinsam.“ Große Worte. Wann hatte er eigentlich angefangen, solche Dinge zu sagen? Vater war immer gut darin gewesen. Vivienne ebenfalls. Eric selbst hatte sich nie für besonders geeignet gehalten, doch in letzter Zeit blickten die anderen immer häufiger zu ihm, wenn eine Entscheidung getroffen werden musste. Also sagte er eben etwas, das vernünftig klang, und hoffte dabei, dass niemand bemerkte, wie wenig Ahnung er eigentlich hatte.


    Sein Blick kehrt zurück in die Gegenwart und für einen Augenblick betrachtet er wieder den Raum um sich herum. Clavius ist inzwischen hinter einem der Regale verschwunden, Shael räumt irgendwelche Phiolen um und irgendwo außerhalb der verborgenen Kammer ist Urzg zu hören. Fast wirkt es friedlich, obwohl die größte Überraschung erst nach ihrer Rückkehr gekommen war. Cinis hatte das gefundene Buch in die Lücke der Sammlung gestellt und zunächst war nichts geschehen. Dann senkte sich das Regal ein kleines Stück ab, ein Mechanismus erwachte tief im Inneren der Wand zum Leben und mit leisem Rattern griffen Zahnräder ineinander. Eric hatte instinktiv die Hand auf sein Schwert gelegt, denn man konnte schließlich nie wissen, was Vater hinter irgendwelchen Geheimtüren versteckt hatte. Das Regal glitt zurück und schließlich zur Seite. Dahinter lag zunächst nur Dunkelheit. Als Cinis jedoch hineingetreten war, hatten sich nacheinander Kerzen und Fackeln entzündet, bis warmes Licht einen Raum offenbarte, von dessen Existenz keiner von ihnen gewusst hatte. Dort befanden sich eine Bibliothek, alchemistische Gerätschaften, eine Werkstatt für Verzauberungen und vor allem Bücher. So viele Bücher. Zuerst hatte Eric geglaubt, sie hätten vielleicht jene Schriften gefunden, die im Archiv der Priorei fehlten, doch schon bald war deutlich geworden, dass viele dieser Werke dafür viel zu alt waren. Diese Sammlung musste über eine lange Zeit hinweg gewachsen sein, womöglich bereits lange bevor Vater den Orden wieder ins Leben gerufen hatte.


    Eric lässt den Blick erneut durch den Raum wandern. Sie hatten nicht gefunden, wonach sie gesucht hatten. Ajahras Problem bestand noch immer, Vivienne saß weiterhin in Wegesruh, Vater war unerreichbar und Timber irgendwo dort draußen. Früher oder später würden sie zudem herausfinden müssen, was geschah, wenn die Schatten in ihren Amuletten sie nicht länger vor Hircines Blick verbargen. Eigentlich hatten sie kaum eines ihrer Probleme gelöst. Und trotzdem waren Shael und Clavius nun hier. Zwei mehr als zuvor. Nicht weniger. Mehr. Eric bemerkt, dass er lächelt, und diesmal lässt er es einfach zu. Vor ihm stehen Regale voller Wissen, das sie nicht einmal verloren geglaubt hatten, weil sie nie gewusst hatten, dass es existierte. Vielleicht befinden sich darin keine Antworten. Vielleicht warten zwischen den alten Einbänden nur noch mehr Geheimnisse, was beim Orden schließlich keine große Überraschung wäre. Doch zum ersten Mal seit Langem fühlt sich ein Geheimnis nicht ausschließlich wie eine weitere Last an. Eric erhebt sich von der Kiste, stellt das ungelesene Buch zurück ins Regal und lässt den Blick noch einmal durch die alte Bibliothek schweifen. „Nun“, murmelt er schließlich, während sich ein schwaches Lächeln auf seinen Lippen hält, „ich glaube, wir haben eine Alternative zum Ordensarchiv gefunden.“

    Was verborgen blieb Teil 1


    Der Geruch von altem Pergament liegt schwer in der Luft, während Eric auf einer der Kisten am Rande des neu entdeckten Raumes sitzt und den Blick über die hohen Regale schweifen lässt. Bücher stehen dort, überall Bücher, manche davon so alt, dass ihre Einbände die ursprüngliche Farbe längst verloren haben. Dazwischen finden sich Phiolen, Gerätschaften und Dinge, deren Zweck sich ihm beim besten Willen nicht erschließen will. Irgendwo hinter ihm klirrt Glas und beinahe augenblicklich muss er schmunzeln. Shael. Natürlich. Kaum hatte die Alchemistin den verborgenen Raum betreten, hatte sie die Werkstatt für sich entdeckt und bereits darüber nachgedacht, wie man sie vergrößern könnte. Das Bücherregal müsse weg, hatte sie festgestellt, immerhin gäbe es viel zu wenig Arbeitsfläche. Es ist auf eine seltsame Weise beruhigend, dass sich manche Dinge offenbar niemals ändern. Erics Blick wandert weiter durch den Raum. Clavius steht irgendwo zwischen den Regalen und ist vermutlich bereits so sehr in irgendwelche alten Schriften vertieft, dass man ihn später mit Gewalt wieder daraus hervorziehen muss. Urzg hatte den Jungen bei ihrer Rückkehr beinahe erdrückt und dabei geheult wie ein Schlosshund, bis schließlich selbst Clavius aufgehört hatte, seine Tränen zurückzuhalten. Einer mehr. Der Gedanke bleibt einen Moment länger hängen als die anderen. Einer mehr, den sie wiedergefunden haben, obwohl sie ursprünglich aus einem ganz anderen Grund aufgebrochen waren.


    Der Weg zurück zur alten Ordensfeste war Eric nur allzu vertraut gewesen. Entlang der Küste hatte er sie hinab zum Strand geführt und schließlich zu jenem verborgenen Versorgungstunnel, durch den Llovryn in der Nacht der Schlacht die Kinder und den Großmeister aus der brennenden Festung geschafft hatte. Damals war dieser Weg ihre Rettung gewesen; nun nutzten sie ihn, um in ihr eigenes Zuhause einzubrechen. Schon das war ein merkwürdiger Gedanke gewesen, doch noch befremdlicher fühlte es sich an, als Eric durch die Luke stieg und sich im alten Kerker wiederfand. Denn der Kerker war fort. Wo einst Zellen und Gitterstäbe gestanden hatten, wo Folterbänke und kalter Stein das Bild bestimmt hatten, plätscherte nun irgendwo Wasser und der Geruch von Weihrauch lag in der Luft. Dort, wo früher Gefangene auf ihre Befragung gewartet hatten, kümmerte sich die Kirche inzwischen um Kranke und Bedürftige. Eric wusste, dass es besser so war. Natürlich war es besser. Trotzdem hatte er einen Moment gebraucht, um den Anblick zu verdauen, denn es fühlte sich an, als wäre er nach langer Abwesenheit in sein Elternhaus zurückgekehrt und hätte feststellen müssen, dass Fremde darin lebten. Sie hatten aufgeräumt, die Wände gestrichen und all jene Dinge hinausgetragen, die ihnen nicht gefielen. Vielleicht hatten sie damit sogar recht. Das machte es nicht leichter. Also hatte Eric getan, was er in letzter Zeit erstaunlich häufig tat: Er hatte das Gefühl hinuntergeschluckt und war weitergegangen. Schließlich waren sie nicht hier, um alten Zeiten nachzutrauern oder sich anzusehen, was aus ihrem Zuhause geworden war. Ajahra brauchte ihre Hilfe, und irgendwo in den Archiven des Ordens mochten sich noch Hinweise auf jene Magie finden lassen, mit der der Thalmor sie weiterhin an sich zu binden versuchte. Solyana war vorausgegangen. Eine Paladina erregte in einer Priorei vermutlich weniger Misstrauen als drei verbannte Hexenjäger und eine gesuchte Khajiit, weshalb der Plan eigentlich gar nicht schlecht gewesen war. Zumindest bis irgendwo im Keller Glas geklirrt hatte und wenig später eine Stimme erklang, die Eric sofort erkannte. Shael. Die Gerüchte hatten behauptet, sie säße irgendwo in Wegesruh in einem Kerker. Stattdessen stand sie zwischen alchemistischen Gerätschaften und schien vor allem darüber erbost zu sein, dass irgendjemand es wagte, sie bei ihrer Arbeit zu stören. Fast hätte Eric darüber lachen können, wäre da nicht der Junge gewesen, der neben ihr stand. Clavius. „Du meine Güte, bist du gewachsen!“ Im Nachhinein betrachtet war das vielleicht nicht die geistreichste Begrüßung für einen Altmer gewesen. In diesem Augenblick hatte Eric jedoch schlicht vergessen, weshalb sie überhaupt dort waren, denn Clavius lebte. Es gab in letzter Zeit nicht viele Überraschungen, über die er sich wirklich freuen konnte. Diese gehörte dazu. Auch Shaels vermeintliche Gefangenschaft erwies sich als komplizierter, als die Gerüchte vermuten ließen. Gefangen genommen worden war sie durchaus, doch inzwischen arbeitete sie für die Kirche. Man hatte ihr ein Labor zur Verfügung gestellt, sie mit Ingredienzien und Gerätschaften versorgt und ihr offenbar genügend Freiheit gelassen, um ihre Forschungen an der Lykanthropie fortzusetzen. Es war keine völlige Freiheit, aber ebenso wenig eine Zelle. Als Shael von Metamorphosen, physiologischen Mechanismen und irgendeiner rituellen Intervention zu erzählen begann, hörte Eric aufmerksam zu – oder versuchte es zumindest. Cinis schien deutlich besser zu verstehen, worauf die Alchemistin hinauswollte, während für Eric vor allem eines hängen blieb: Shael arbeitete noch immer an einem Weg, das Fell zu kontrollieren. Und wenn Cinis mit ihren Befürchtungen recht hatte, würden sie diesen Weg bald dringender brauchen, als ihm lieb war.


    Clavius wiederum wusste mehr über das Archiv. Mehr, als Eric eigentlich hören wollte. Die Kirche hatte den Jungen nach der Verbannung behalten. Sie kannte ihn, schließlich war er einst eines ihrer Kinder gewesen, ehe Vater ihn zum Orden geholt hatte, und im Vergleich zu seinen älteren Geschwistern galt er vermutlich als ungefährlich. Vor allem aber war er nützlich, denn Clavius kannte das Archiv beinahe besser als jeder andere. Genau deshalb hatte man ihn gebraucht, als die alten Bestände gesichtet wurden. Bücher waren entfernt worden. Schriften über Magie, dunkle Rituale und andere Dinge, von denen die Kirche offenbar beschlossen hatte, dass sie dort nicht länger verbleiben sollten. Eric konnte sehen, wie schwer dem Jungen dieses Geständnis fiel, als hätte Clavius persönlich jedes einzelne dieser Bücher verbrannt. Dabei hatte er lediglich überlebt. Was hätte er tun sollen? Sich vor die Regale stellen und verlangen, dass man ihn gemeinsam mit den Büchern fortschaffte? Nein. Eric machte ihm keinen Vorwurf. Vielleicht musste Clavius das hören, vielleicht musste Eric es aber auch selbst hören. Sie alle hatten in der letzten Zeit Dinge getan, um irgendwie weiterzumachen. Also bat er den Jungen um Hilfe und beinahe im selben Atemzug darum, anschließend mit ihnen zu kommen. Zur Familie. Ob das klug gewesen war, wusste Eric nicht. Manchmal schien er in letzter Zeit schneller zu sprechen, als er nachdenken konnte, doch in diesem Moment wollte er vor allem eines nicht: noch jemanden zurücklassen. Solyana und Clavius gelang es schließlich tatsächlich, die Wache vor dem Archiv von ihrem Posten zu entfernen, und das erstaunlich problemlos. Eric hatte mit deutlich größeren Schwierigkeiten gerechnet und ein Teil von ihm hätte sie vermutlich sogar vorgezogen. Mit einer Wache konnte man umgehen. Mit dem Anblick des Archivs war das schwieriger. Es war leer. Nicht vollkommen, aber Eric kannte diese Regale. Er wusste, was dort gestanden hatte, und wo ein Fremder lediglich freie Stellen zwischen alten Büchern gesehen hätte, erkannte er all jene Schriften, die fehlten: Abhandlungen über Magie, Berichte, Aufzeichnungen über Kreaturen und Flüche, Wissen, das der Orden über Jahre und Jahrzehnte gesammelt hatte. Manche Regale waren beinahe vollständig ausgeräumt, während andere Bücher in Stapeln auf dem Boden lagen und offenbar noch darauf warteten, dass jemand über ihr weiteres Schicksal entschied. Ajahra und Cinis suchten, Eric ebenfalls. Nichts. Die Bücher, die ihrer Schwester vielleicht hätten helfen können, waren nicht mehr da. So viel Risiko, und wofür? Dann entdeckte er die Dokumente auf einem der alten Tische. Vivienne. Die Zeilen ließen ihn verstummen. Offenbar hatte die Kommandantin sich der Krone zur Kooperation angeboten, nachdem gegen weitere Ordensmitglieder Verfahren eingeleitet werden sollten, und offenbar hatte sie damit erreicht, dass zumindest viele der anderen gehen konnten. Nun saß sie in Wegesruh in Haft, während ein größeres Verfahren vorbereitet wurde. Eric las den Abschnitt noch einmal. Vater war verschwunden und damit hatte Vivienne seinen Platz eingenommen – nicht als Großmeister, sondern als jene Person, auf die nun alle zeigen konnten. Sie hatte für sie den Kopf hingehalten. Als Eric den anderen erklärte, was in den Dokumenten stand, bemühte er sich, ruhig und sachlich zu bleiben. Cinis fluchte, Clavius kämpfte wieder mit den Tränen, und Eric legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. Es war leichter, sich um ihn zu kümmern, als darüber nachzudenken, was Vivienne nun vielleicht ihretwegen durchmachen musste.

    Die Schatten verblassen


    Der verborgene Unterschlupf unter dem Grab Menelag Iskarioths barg mehr als nur Waffen und Vorräte. Zwischen den alten Schriften stießen Eric und Cinis auf die Reihe Von den Vier Abscheulichkeiten. Untote. Daedra. Vampire. Doch ausgerechnet der dritte Band fehlte – jener, der den Werwölfen gewidmet sein musste. Vor den Büchern befand sich zudem eine kleine metallene Plakette, die Cinis an die Katalogisierung des Ordensarchivs erinnerte. Davros bestätigte schließlich, dass es sich tatsächlich um eine Verzeichnissignatur handelte, die auf einen ganz bestimmten Platz im Archiv der ehemaligen Ordensfeste verwies. Ausgerechnet dort sollte sich das dritte Buch befinden, das im Unterschlupf fehlte. Da das Bücherregal außerdem beinahe nahtlos in die Wand eingelassen war, entstand rasch der Verdacht, dass es sich um mehr als ein gewöhnliches Regal handeln könnte – und dass der fehlende Band vielleicht etwas damit zu tun hatte. Eric hätte das Ganze am liebsten kurzerhand aufgehebelt, doch Cinis erinnerte ihn daran, dass niemand wusste, ob eine mögliche Geheimtür gegen gewaltsames Eindringen gesichert war. So bekam die ohnehin geplante Rückkehr in die heutige Priorei ein weiteres Ziel: das alte Archiv und jenes verschwundene Buch.


    Auch ein anderer Name tauchte wieder auf: Timber, der letzte Überlebende eines fünfköpfigen Hexenjägertrupps, dessen Geschichte schon mit den Morden in Wegesruh verknüpft gewesen war. Zwei seiner damaligen Gefährten waren dort ermordet worden, zwei weitere während der Schlacht um die Festung gefallen. Timber selbst soll noch leben – doch wo er sich befindet und ob ihn die Nachricht vom neuen Unterschlupf erreicht hat, weiß bislang niemand.


    Ajahra kehrte nach längerer Abwesenheit zurück. Sie hatte auf eigene Faust versucht herauszufinden, wie groß die Suche des Thalmors nach ihr inzwischen war, und brachte wenig beruhigende Nachrichten mit. Nach ihren Erkenntnissen sind ungefähr dreißig Personen an der Jagd auf sie beteiligt – allerdings keineswegs nur Thalmor-Angehörige, sondern auch Handlanger und angeworbene Söldner. In Wegesruh werden Steckbriefe verteilt; zumindest einige dieser Helfer wurden von drei Altmern angeworben. Wer über ihnen steht und wo sich ihr eigentliches Lager befindet, konnte Ajahra jedoch nicht herausfinden.


    Mit ihrer Rückkehr kam außerdem eines der größeren Geheimnisse des alten Ordens erneut auf den Tisch. Davros bestätigte gegenüber Urzg, dass die Amulette der Hexenjäger mit einem Reservoir in der Ordensfeste verbunden waren. Die Magicka der Jäger speiste dieses Reservoir, während die Verzauberungen der Amulette ihnen im Gegenzug erlaubten, auf kontrollierte Weise Magie zu nutzen. Selbst Urzg hatte trotz seiner langen Nähe zum Großmeister nichts davon gewusst. Davros betrachtete das System als notwendiges Gleichgewicht von Geben und Nehmen; andere sahen darin vor allem ein weiteres Beispiel dafür, wie viel der Großmeister seinen eigenen Leuten verschwiegen hatte.


    Noch beunruhigender war jedoch eine andere Erinnerung Cinis’. Die Schatten, die an den Amuletten der Hexenjäger hafteten, hatten sie bislang vor Hircines Blick verborgen und ihnen geholfen, das Fell unter Kontrolle zu halten. Doch seit den Ereignissen um die Almuna scheint dieser Schutz langsam zu verblassen. Damit rückte auch Shaels Forschung wieder in den Mittelpunkt. Valdrigue hatte sie und Cinis einst damit beauftragt, einen Weg zu finden, die Lykanthropie ohne die Hilfe der Almuna beziehungsweise der Schatten zu beherrschen. Cinis weiß allerdings nicht, wie weit Shael damit gekommen ist. Was früher eine langfristige Forschungsfrage gewesen sein mochte, könnte nun plötzlich sehr viel dringlicher werden. Eric setzte die Suche nach Shael deshalb ausdrücklich auf die ohnehin schon lange Liste der nächsten Schritte.


    Und als wäre das nicht genug, lief Cinis während des Gesprächs plötzlich ein kalter Schauer über den Rücken – begleitet von dem flüchtigen Gefühl, beobachtet zu werden. Später beschrieb Urzg die frühere Nähe der Almuna beinahe mit denselben Worten: wie ein kalter Wind, der einen streift, oder fremde Augen im Rücken. Auch Eric erinnerte sich an jene Zeit, in der er wiederholt an Orten zu sich gekommen war, ohne zu wissen, wie er dorthin gelangt war, und Aethyra später tatsächlich einen Schatten an ihm festgestellt hatte. Ob Cinis’ Empfindung etwas damit zu tun hatte, wusste niemand. Sicher war nur, dass die Schatten der Vergangenheit offenbar noch nicht alle verstummt waren.

    Unter den Gräbern der Iskarioth


    Ein namenloser Brief führte die verbliebenen Hexenjäger hinaus aus Wegesruh auf einen längst verlassenen Friedhof der Iskarioth. Zwischen verfallenen Gräbern, überwucherten Grabsteinen und dichtem Nebel fanden Eric und Ajahra dort nicht nur Cinis wieder, sondern trafen auch auf eine alte Bekannte: Solyana Coste, Paladina Stendarrs, die einem ganz ähnlichen Hinweis gefolgt war. Ihr gemeinsames Ziel war ein Mausoleum, das sich merkwürdig unberührt vom Verfall seiner Umgebung zeigte. Die Inschrift erinnerte an Menelag Iskarioth, den ersten Großmeister des Ordens und Ahnherrn jener Familie, die heute den Namen Esharoth trägt. Doch das vermeintliche Grab barg mehr als nur die Erinnerung an einen längst verstorbenen Ordensgründer. Ein altes Rätsel, ein steinerner Wolf und ein wenig Blut öffneten schließlich den Weg in das Innere, wo sich selbst der schwere Sarkophag als Teil eines verborgenen Mechanismus erwies. Unter seinem Deckel führte eine Leiter tief hinab in die Dunkelheit.


    Was sie dort fanden, war keine Gruft, sondern eine Zuflucht. Tief unter der Erde lagen Vorräte, Schlafplätze, eine Schmiede, Möglichkeiten zum Training und Räume, die offensichtlich dafür geschaffen worden waren, sich zu sammeln, auszurüsten und neue Pläne zu schmieden. Jemand hatte diesen Ort lange vor dem Fall des Ordens für genau jenen Tag vorbereitet, an dem seine Jäger keinen anderen Ort mehr haben würden. Und Eric, Cinis und Ajahra waren nicht die Ersten, die ihn gefunden hatten. Urzg, die alte Leibwache des Großmeisters, und der Alchemist Davros Aren warteten bereits seit einigen Tagen dort. Auch sie waren durch einen Kurier zurückgerufen worden. Nach und nach offenbarte sich zudem, wer zumindest teilweise hinter den geheimnisvollen Nachrichten stand. Noch vor ihrer Verhaftung hatte Kommandantin Vivienne Lorans bei der Kirche Stendarrs um Beistand ersucht, und einzelne Mitglieder der Kirche waren diesem Ruf offenbar gefolgt. Solyana war allerdings nicht allein aus Freundschaft gekommen. Man hatte sie gebeten, sich selbst ein Bild davon zu machen, was vom Orden übrig geblieben war und vor allem, was aus ihm werden sollte.


    Eine einfache Antwort darauf hatte niemand. Der alte Orden war gefallen, sein Großmeister befand sich außerhalb ihrer Reichweite, seine Kommandantin war gefangen und aus der einstigen Ordensfeste war eine Priorei Stendarrs geworden. Vielleicht konnte es ohnehin kein einfaches Zurück mehr zu dem geben, was einmal gewesen war. Für den Augenblick verzichteten sie daher auf große Schwüre und neue Titel. Die verborgene Zuflucht mochte noch kein Zuhause sein, doch sie bot ihnen erstmals seit Langem einen Ort, an dem sie wieder durchatmen konnten. Und es gab dringendere Probleme, um die sie sich kümmern mussten.


    Denn Ajahras Vergangenheit hatte sie längst wieder eingeholt. Der Thalmor suchte nach ihr, und während die Gruppe darüber beriet, wie sie dieser Bedrohung begegnen könnte, zeigte sich an ihrem Hals plötzlich ein Leuchten. Was zunächst kaum mehr als ein flüchtiger Schimmer gewesen war, entpuppte sich als Überrest eines alten Kontrollsigils aus ihrer Zeit unter den Thalmor. Das Zeichen war beschädigt, aber keineswegs verschwunden. Als Urzg kurzerhand versuchte, es mit der bannenden Kraft eines Hexenjägeramuletts zu brechen, antwortete das Sigil mit solcher Gewalt, dass es den Ork quer durch den Raum schleuderte. Zwar scheint die eigentliche Kontrollwirkung gegenwärtig gestört zu sein, doch niemand weiß, ob die Verbindung sich wieder stabilisieren kann oder was geschehen würde, sollte der Thalmor erneut versuchen, nach Ajahra zu greifen.


    Eine mögliche Spur führt nun ausgerechnet zurück an jenen Ort, den der Orden verloren hat. In den alten Beständen seiner Bibliothek könnten sich Aufzeichnungen über Blutmagie, Seelenbindungen und Kontrollbanne befinden – Wissen, das vielleicht dabei helfen kann, Ajahra von den Fesseln ihrer Vergangenheit zu lösen. Solyana könnte sich als Paladina vergleichsweise frei in der heutigen Priorei bewegen, doch allein würde sie kaum wissen, wonach sie in den jahrhundertealten Beständen suchen müsste. So entstand schließlich ein gemeinsamer Plan: Über einen alten Geheimgang wollen Eric, Cinis, Ajahra und Solyana in die ehemalige Ordensfeste zurückkehren, ungesehen bis zur Bibliothek vordringen, nach Antworten suchen und wieder verschwinden, bevor jemand ihre Anwesenheit bemerkt.


    Der nächste Weg der Hexenjäger führt sie damit ausgerechnet zurück an den Ort, an dem so vieles seinen Anfang nahm – und an einen Ort, der längst nicht mehr ihnen gehört.

    Der Hof der Wunder


    Der Hof der Wunder war kein Ort für Hoffnung. Zwischen schiefen Ständen, gestohlenen Kostbarkeiten, gedämpftem Gelächter und dem Grölen einer Menge, die einem sterbenden Khajiit beim Kampf zusah, warteten Eric und Cinis auf ein Zeichen. Eine einzelne Kerze sollte entzündet werden — unscheinbar genug, um im Lärm dieses Rattennests unterzugehen, und doch deutlich genug für jene, die wussten, wonach sie Ausschau halten mussten. Als die Flamme schließlich am Stand des Antiquitätenhändlers erwachte, setzten sie sich in Bewegung.

    Die Spur führte sie in eine abgelegene Nische des Hofes, verborgen hinter schweren Vorhängen, wo die Geräusche der Menge dumpf und fern wurden. Dort trafen sie auf Aethyra. Nach einer vorsichtigen Parole und der passenden Erwiderung war klar: Die Maga war tatsächlich erschienen. Nicht aus alter Freundlichkeit allein, sondern weil die Lage ernst genug war, um alte Verbindungen erneut zu bemühen. Eric berichtete ihr von allem, was seit der Schlacht in der Ordensfeste geschehen war: von seiner Flucht mit Llovryn, den Kindern des Ordens und dem Großmeister. Von dessen Zustand, aus dem er nicht erwachte. Von dem Körper, der noch atmete, während der Geist fern schien. Und von den drei Worten, die der alte Mann immer wieder murmelte: Hinter den Spiegeln.


    Aethyra bestätigte, dass es diesen Ort gab — und dass das, was dort lauerte, besser nicht in diese Welt zurückkehren sollte. Die Almuna, die Schatten, der Schutz vor Hircine: All diese Fäden schienen mit jenem dunklen Ort verwoben zu sein. Sollte sich erneut etwas an den Großmeister geheftet haben, dann musste es irgendwo wieder einen Zugang geben. Einen Spiegel. Einen Riss. Einen Weg. Für Eric war das genug, um neue Hoffnung zu schöpfen. Wenn der Großmeister nicht verloren war, wenn es eine Möglichkeit gab, ihn zurückzuholen, dann musste man sie ergreifen.


    Doch nicht alle teilten diese Hoffnung. Cinis sprach von Erlösung durch die Klinge, Ajahra mahnte zur Vorsicht, und Aethyra stellte die Frage, ob ein Mann, der so tief in Dunkelheit und Lüge verstrickt war, überhaupt noch gerettet werden sollte. Eric aber sah in ihm noch immer den Vater. Der Streit zerbrach etwas zwischen ihnen. Cinis warf Eric das Tagebuch des Großmeisters vor die Füße und verließ die Runde ohne ein weiteres Wort. Zurück blieb Eric mit einem Buch, dessen Inhalt er nicht erfahren wollte. Er wollte Antworten aus dem Mund des Mannes, der sie alle zu Brüdern und Schwestern gemacht hatte — oder zu Werkzeugen.


    Doch ehe diese Wunde weiter bluten konnte, offenbarte sich eine neue Gefahr. Ajahra legte einen Steckbrief vor. Nicht von der Stadtwache, nicht wegen der Schlacht, nicht wegen des gefallenen Ordens. Vom Thalmor. Und schlimmer noch: Auch im Hof der Wunder selbst war bereits ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt worden. Die Jäger waren näher, als ihnen lieb sein konnte. Zwischen Halsabschneidern, Verrätern und den Augen der Altmer blieb keine Zeit mehr für weitere Worte.


    Aethyra erklärte sich bereit, den Großmeister aufzusuchen und seinen Zustand selbst zu untersuchen. Das Tagebuch nahm sie an sich. Für Eric war es ein schwacher Trost, aber vielleicht der einzige Weg, der noch blieb. Dann öffnete die Maga einen verborgenen Durchgang in der Wand. Stein glitt unter arkanen Fäden beiseite, als wäre er nur Papier. Dahinter lag ein dunkler Tunnel, feucht, eng und namenlos. „Folgt den Ratten“, sagte Aethyra. „Sie kennen den Weg.“


    Und so verschwanden Eric und Ajahra aus dem Hof der Wunder — verfolgt von Fragen, deren Antworten vielleicht nicht mehr in dieser Welt lagen. Denn wenn der Großmeister wirklich hinter den Spiegeln verloren war, dann würde der nächste Weg sie nicht nur in die Kanalisation führen...



    Wiedersehen


    Nach den Ereignissen in der Ordensfeste führten die verbliebenen Spuren Ajahra und Cinis schließlich zum Heilerhaus in Wegesruh. Es war spät am Abend, die Fenster lagen nur noch in schwachem Licht, und auf ihr Klopfen antwortete niemand. Da ihnen kaum eine andere Wahl blieb, griff Ajahra auf alte Fertigkeiten aus ihrer Zeit beim Thalmor zurück und öffnete das Schloss.


    Im Inneren des Hauses empfing sie der Geruch von Weihrauch und fremden Gewürzen — und Stille.


    Erst der Ruf einer Nachtigall, ein Zeichen unter Hexenjägern, lockte jemanden aus den Schatten des Hauses hervor. Eric trat ihnen entgegen: erschöpft, schmutzig, gezeichnet von den Ereignissen, aber am Leben. Die Wiedersehensfreude war nur von kurzer Dauer, denn rasch wurde offenbar, was er hier verbarg.


    Llovryn lebte. Die Kinder des Ordens waren in Sicherheit. Doch der Großmeister, den Eric weiterhin Vater nannte, lag in einer kleinen Kammer des Hauses — nicht tot, aber auch kaum noch lebendig. Sein Körper atmete, seine Lippen murmelten, doch sein Geist schien zerbrochen. Ajahra spürte keine echte Resonanz mehr in ihm, nur Leere, als sei von seiner Seele kaum mehr als ein ausgeschlagenes Gefäß geblieben.


    Eric offenbarte, wie es der Hexe gelungen war, die Barrieren der Feste zu überwinden: durch ein Amulett, das einst Llovryns Mutter gehört hatte und das Eric als Andenken erhalten hatte. Die Hexe musste es schon lange zuvor verzaubert haben. Als die Hexenjäger zur Feste aufbrachen, nutzte sie diesen Makel und fand ihren Weg hinein. Für Eric war die Schuld daran kaum zu ertragen.


    Cinis hingegen sah in dem gebrochenen Großmeister nicht nur einen Vater, sondern auch den Ursprung von Verrat, Täuschung und Leid. Als sie ihr Schwert zog, um ihn — und vielleicht auch sich selbst — zu erlösen, stellte sich Eric ihr entgegen. Für ihn durfte der Großmeister noch nicht sterben. Nicht, solange er der Einzige war, der Antworten geben konnte. Nicht, solange unklar blieb, ob die Familie, die er ihnen gegeben hatte, jemals echt gewesen war.


    In diesem Moment regte sich der alte Mann. Für einen flüchtigen Augenblick riss er die blinden Augen auf und keuchte drei Worte hervor:


    „Hinter den Spiegeln.“


    Diese Worte veränderten alles.


    Cinis erinnerte sich an eine Welt hinter den Spiegeln. Ajahra erinnerte sich an den Spiegel in der Kammer der Hexe unter Wegesruh — auch wenn dieser Ort inzwischen eingestürzt und der Spiegel womöglich nur noch ein Haufen Scherben war. Doch vielleicht lag genau darin der nächste Hinweis. Vielleicht war der Großmeister nicht einfach leer. Vielleicht war etwas von ihm fortgerissen worden. Verloren. Gefangen. Verborgen hinter Glas, Schatten und Erinnerung.


    Am Ende blieb keine Gewissheit, nur ein neuer Entschluss: Sie mussten herausfinden, was es mit den Spiegeln auf sich hatte.


    Und wenn Madame Marethi tatsächlich helfen konnte, dann musste das Treffen mit ihr außerhalb der Stadt stattfinden. Denn in Wegesruh hatten sie inzwischen mehr Feinde als Freunde — und jeder weitere Schritt konnte sie entweder näher an die Wahrheit führen oder endgültig in den Untergang.

    Der Zauberstab ist zerbrochen


    Hector Ambassador saß in dem großen Lehnstuhl am Kamin, die großohrige Wächterkatze der Magiergilde auf seinem Schoß. Der Besuch war noch nicht lange fort. Wer war es noch gleich gewesen? Ein Fürst. Fürst …

    Der Name wollte ihm nicht mehr einfallen. Mit jedem Tag zerfaserten seine Gedanken ein wenig mehr, und in seinem Verstand herrschte immer häufiger gähnende Leere. Ganze Schubladen in seinem Kopf standen leer. Und er war müde. So unendlich müde.


    Er hatte ein langes und erfülltes Leben gelebt. Er hatte ein letztes großes Abenteuer bestanden, an der Seite großartiger und mutiger Verbündeter. Er hatte sein Lebenswerk vollendet, und am Ende hatte er zum Untergang jener Frau beigetragen, die er sein Leben lang verfolgt hatte. Arana av Valatar. Obala Atar. Amaure von Strang. Die Hexe der Wildnis.


    Aethyra und Thaenion hatten die Stube längst verlassen. Das Feuer knisterte ruhig und gleichmäßig im Kamin. Hector Ambassador dachte an seine Frau, den einzigen Lichtfunken in den Tiefen seines Verstandes, der ihm stets greifbar geblieben war. Martha … seine geliebte Frau.

    „Martha …“, sagte er leise. Seine Stimme war dünn, doch ein sanftes Lächeln lag auf seinem Gesicht. „Der Zauberstab ist zerbrochen. Jetzt ist es aus mit der Zauberei.“


    Die großohrige Katze schnurrte zufrieden, während sie zusammengerollt auf den Beinen des alten Mannes lag. Hectors Kopf sank gegen die Lehne des Stuhls. Sein Atem wurde flacher, immer flacher. Irgendwann hörte er auf zu atmen.


    Dann war er wieder bei seiner geliebten Martha …

    Die Stadthalle...



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    Die Stadthalle: Verwaltungszentrum und öffentlicher Ort für Verhandlungen. Mit Schreiberstuben, Archiv und einem Büro der königlichen Kanzlerin.

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    Hier werden Verhandlungen geführt und zu Gericht gesessen. Bei ausgewählten Verhandlungen darf auch das Volk teilnehmen und auf den Bänken im Inneren Platz nehmen.

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    In den Schreibstuben und Archiven schlägt das Herz der Wegesruher Verwaltung. Anträge und dergleichen werden hier gestellt, geprüft und verarbeitet.
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    Doch auch hinter verschlossenen Türen werden Ränke geschmiedet.
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    Und manche Türen bleiben lieber verschlossen – vor allem jene, auf denen „Betreten verboten“ steht.



    Doch nicht nur der Gang zum Amt lädt zu einem Besuch in die Stadthalle ein. Herrliche Spaziergänge erwarten den braven Bürger Wegesruhs – mit traumhaft schönen Ausblicken auf das Umland, kulinarischen Köstlichkeiten und dem geheimnisvollen, von Mythen umrankten „Nereïdenbrunnen“.

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    OOC-Info:

    Dieser Ort wurde von mir für den Hotspot in Wegesruh erstellt und steht somit auch allen Spielern, die dort aktiv sind, zur Verfügung. Er kann für verschiedenste Ereignisse genutzt werden oder einfach nur für ein wenig RP zwischendurch (ganz ohne schubsende NPCs).


    Die Grundidee der Stadthalle ist es, einen bespielbaren Ort zu schaffen, an dem sich der Regierungs- und Verwaltungsapparat Wegesruhs darstellen lässt – vom Antrag bis zur Verhandlung. Die Ausgestaltung und die hier gezeigten Gedanken verstehen sich ausdrücklich als RP-Rahmen und persönliche Interpretation und erheben keinen Anspruch auf offizielle Lore-Genauigkeit oder kanonische Darstellung der Stadtverwaltung.


    Ich erhebe ausdrücklich keinen Anspruch darauf, festlegen oder „entscheiden“ zu wollen, wie Teile der Stadt auszusehen haben, wie sie verwaltet werden oder welche Stellen wo verortet sind. Einzelne Setzungen (z. B. dass die Kanzlerin des Königs, Regina Troivois, hier ein Büro unterhält) sind bewusst als optionale Spielidee gedacht – nicht als Aussage darüber, wie es „offiziell“ ist.


    Das Housing kann selbstverständlich für jeden anderen Zweck genutzt, umdekoriert oder vollständig neu interpretiert werden. Wer es nutzt, soll sich frei fühlen, es genau so zu bespielen, wie es zur eigenen Gruppe und zum eigenen Verständnis passt.


    Wo befindet sich das 'Haus'?:

    Einfach zum Ruhepol der Fünf Gefährten von Valdrigue reisen. (z.B. über Port to Friend's House)

    Oder folgenden Ingame-Befehl nutzen:

    Code

    Code
    /script JumpToSpecificHouse("@Valdrigue",112)

    Vom Abschied zur Asche


    Ein Dutzend.

    Sie standen versammelt, die Köpfe gesenkt. Manche in ein stilles Gebet versunken, andere starr vor sich hin blickend, als könnten sie den Anblick nicht länger ertragen. Ein Feuer brannte bereits – jenes, das für ihre Feinde bestimmt war. Alle trugen die gleichen Spuren: Ruß auf der Haut, Blut an Rüstung und Händen, der beißende Geruch von Rauch in Haar und Kleidung. Gezeichnet vom Kampf. Vom Feuer. Vom Verlust.


    Sie waren gekommen, um ihren Brüdern und Schwestern die letzte Ehre zu erweisen.

    Die Kommandantin stand gemeinsam mit Cinis und Ajahra dem Rest des Ordens gegenüber. Schweigen. Langes, drückendes Schweigen. Als Vivienne schließlich den Blick hob, zerbrach es.


    „Meine Brüder … meine Schwestern.“

    Ihre Stimme war ruhig, doch sie lag brüchig in der Luft, als könne sie jeden Augenblick reißen.

    „Wir stehen heute hier nicht als Sieger.“

    Eine lange Pause folgte. Sie suchte nach Worten – oder nach der Kraft, sie auszusprechen.

    „Heute ehren wir keine Helden.“

    Sie wirkte gefasst. Sie versuchte es. Doch das Herz der Eisernen Lady war gebrochen, und je mehr sie es zu verbergen suchte, desto deutlicher trat es zutage. Ihre Stimme zitterte. Tränen sammelten sich in ihren Augen.

    „Nein …“

    Ein Atemzug, scharf, schmerzhaft.

    „Wir stehen heute hier, um Abschied zu nehmen.“

    Sie ließ den Blick über die Reihen schweifen.

    „Manche von ihnen nannte ich erst gestern noch beim Namen. Manche von ihnen waren nicht einmal zu Männern, zu Frauen herangewachsen.“ Ihre Stimme brach. Sie schluckte schwer.

    „Und doch haben sie gekämpft. So tapfer. So unerschütterlich.“

    Die Fassung riss endgültig.

    „Sie kämpften für den Orden. Für uns. Mit allem, was sie hatten. Sie trotzten dem Bösen mit ihrem Mut, mit ihrem Glauben, mit ihrem Leben.“

    Ein leiser Schluchzer entrang sich ihr, den sie nicht länger unterdrücken konnte.

    „Und sie zahlten den höchsten Preis.“

    Sie wischte sich die Tränen nicht fort. Sie ließ sie fließen.

    „Nie wieder werden wir ihr Lachen hören. Nie wieder ihre Gebete, ihre Zweifel, ihre Hoffnung. Nie wieder ihre Freude – oder ihren Schmerz.“

    Ihre Stimme sank zu einem Flüstern.

    „Sie sind fort. Für immer.“

    Ein Zittern ging durch ihre Schultern.

    „Viele von ihnen waren nicht anders als wir.“

    Sie hob den Kopf, als wolle sie sich selbst zwingen, weiterzusprechen.

    „Verlorene Kinder. Ausgestoßene. Vergessene.“

    Ihre Stimme wurde fester. Nicht stark – aber standhaft.

    „Doch hier … hier fanden sie eine Familie. Eine Bestimmung. Einen Platz in dieser Welt.“

    Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht.

    „Sie waren unsere Brüder. Unsere Schwestern. Mit Leib und Seele.“

    Ein weiterer Atemzug. Tief. Schwer.

    „Und nun … können wir nur noch für ihre Seelen beten.“

    Ihre Stimme hob sich.

    „Ich bete zu Stendarr. Zu allen Göttlichen.“

    Sie schloss kurz die Augen.

    „Mögen sie ihnen gnädig sein. Mögen sie sie an Orte führen, fern von Schmerz und Leid.“

    Ihre Stimme bebte.

    „Sie sollen Frieden finden. Ruhe finden.“

    Sie öffnete die Augen.

    „Sie haben ihre letzte Schlacht geschlagen.“

    Ein Moment der Stille.

    „Und selbst wenn niemand sonst um sie trauern wird – ich werde es.“

    Ihre Stimme war nun klar. Entschlossen.

    „Um jeden Einzelnen von ihnen. Denn jeder, der uns genommen wurde, war einer zu viel.“

    Sie richtete sich auf.

    „Brüder. Schwestern.“

    Ein letzter Blick über die Reihen.

    „Lasst uns gemeinsam beten. Gemeinsam trauern. Um die Familie, die wir verloren haben.“

    Vivienne hob die Fackel, die sie die ganze Zeit bei sich getragen hatte. Die Flammen warfen ein flackerndes Licht auf ihr tränengezeichnetes Gesicht.

    „Entzünden wir ein Leuchtfeuer, damit sie ihren Weg durch die Dunkelheit finden.“

    Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

    „Lebt wohl, Kinder des Ordens.

    Lebt wohl, Freunde.

    Lebt wohl, Geschwister.“

    Ein kurzer, gebrochener Atemzug.

    „Lebt … wohl.“


    Sie ließ die Fackel fallen. Die Scheite entzündeten sich augenblicklich. Flammen schlugen empor, hüllten die zahllosen Toten in Feuer und Licht.

    Einige der Anwesenden brachen schluchzend zusammen, andere hielten sie fest. Niemand sprach ein Wort. Dunkler Rauch schraubte sich in den Himmel – der Sonne entgegen.


    Cinis stand im stillen Gebet neben Vivienne, während diese ihre Worte leise und flüsternd an die Hinterbliebenen richtete. Es waren Worte, die den Seelen der Gefallenen den Weg nach Aetherius weisen sollten. Als Vivienne schließlich das Feuer entzündete, holte Cinis einen groben, schmiedeeisernen Korb hervor, der mit kleinen, schwarz-silbernen Kügelchen gefüllt war – eine für jeden, der im Kampf geblieben war. Sachte schob sie den Korb ins Zentrum der Flammen. Ohne ein anderes Geräusch als das Knistern des verzehrenden Feuers stiegen kurz darauf Lichtfunken mit dem Rauch empor; ein Funke für jede Seele, die nun von hinnen zog.


    Ajahra hielt während der gesamten Rede den Kopf gesenkt. Ihre Rüstung war in der Kürze der Zeit nur notdürftig gereinigt worden; ein dicker Verband umschloss ihren linken Oberschenkel, während sie sich mühsam auf zwei Krücken stützte. Erst als die Flammen hochloderten, hob sie den Blick und sah ein letztes Mal auf die aufgeschichteten Leiber ihrer Kameraden.

    „Lebt wohl … Freunde, Kameraden, Lehrer und Schüler“, murmelte Cinis leise und sah den aufsteigenden Lichtern nach. Funken stoben empor und vermischten sich mit dem dunklen Rauch, der gen Himmel zog. Für einen flüchtigen Augenblick fühlte es sich an, als streife ein wohlwollender Windhauch über ihre Gesichter, um den Rauch und die Funken davonzutragen – dorthin, wo der Schmerz der Welt vielleicht leichter wog.



    Das Ende des Ordens?


    Aus dem Tagebuch des Großmeisters Valdrigue Esharoth...

    Eintrag verfasst von Kommandantin Vivienne Lorans


    Wo beginnt man?


    Nie zuvor in meinem Leben habe ich ein Tagebuch geführt oder meine Gedanken niedergeschrieben. Der Abzug der Krieger- und Magiergilde liegt nun schon einige Stunden zurück; es ist fast Mittag, würde ich schätzen. Zeit hat hier ihre Bedeutung verloren.


    Meine verbliebenen Brüder und Schwestern sind mit mir in der Ordensfeste gefangen. Während wir die Trümmer durchsuchten, fand ich dieses Tagebuch unseres Großmeisters in den Überresten dessen, was einst sein Gemach gewesen war – durch den Angriff der Hexe beinahe vollständig zerstört. Die Flammen haben nur wenig übriggelassen. Es grenzt an ein Wunder, dass gerade dieses Buch unbeschadet blieb.


    Ich zögerte lange, es zu öffnen. Es zu lesen. Allein der Gedanke fühlte sich wie Verrat an.

    Doch gestern Nacht …


    Seit Jahren spürte ich ihn in meinen Gedanken. Seit dem Tag, an dem ich ihm die Treue schwor, war er immer bei mir. Ich fühlte seine Präsenz, seine Wut, seine Liebe. Ich wusste stets, wo er sich befand. Seine Gegenwart schenkte mir in dunklen Zeiten Beistand, hielt mich aufrecht, gab mir Richtung.

    Doch gestern Nacht war diese Verbindung einfach fort.

    Niemals zuvor in meinem Leben habe ich mich so einsam, so nackt, so verwundbar gefühlt wie in diesem Augenblick. Und ich war nicht allein damit. Ich sah es in den Gesichtern der anderen – sah, dass es ihnen ebenso erging. Etwas war zerbrochen. Etwas, das uns alle getragen hatte.


    Was ist mit unserem Vater geschehen?


    Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht.


    Unter den zahlreichen Toten war er nicht zu finden. Unter den Lebenden ebenfalls nicht. Lebt er noch? Ist er tot? Diese Ungewissheit frisst sich in meinen Verstand wie ein Gift. Was soll ich den anderen sagen? Ich spüre, wie sehr sie nach einer Erklärung verlangen, nach Halt, nach Führung. Doch ich weiß nicht, ob ich die Stärke aufbringen kann, ihnen zu geben, was sie suchen.


    Wir waren fast einhundert Männer und Frauen im Dienst einer gerechten Sache. Geeint unter der Führungsstärke und der Weisheit unseres geliebten Vaters.


    Nun sind wir nur noch ein Dutzend...


    Vor den Toren der Festung liegen die Leichen unserer gefallenen Geschwister. Manche von ihnen waren kaum mehr als Kinder, gerade erst zu Frauen und Männern herangereift. Sie hatten nicht einmal die Chance gehabt, zu Hexenjägern ernannt zu werden – sich zu beweisen, ihren Platz zu finden.


    Der Innenhof …


    Manche Körper sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Ihre Leichen pflastern den Hof, vermischt mit den Kadavern dieser verdorbenen Spinnenbrut. Der Gestank von Rauch und Tod hängt noch immer in der Luft.


    Ein Dutzend...


    Von den Kindern fehlt jede Spur. Auch Eric und Llovryn, die ich hierher entsandt hatte, waren nicht auffindbar.


    Und doch liegt darin meine größte Hoffnung!

    Ich habe Spuren entdeckt. Zeichen, die mich hoffen lassen, dass sie entkommen sind – dem Gemetzel, den Flammen, dem Verderben. Ich weiß es nicht. Aber der Gedanke, dass sie es geschafft haben könnten und irgendwo dort draußen leben, ist alles, was mir in diesem Augenblick geblieben ist.


    Der klägliche Rest der Löwengardisten, die uns gemeinsam mit Kriegern und Magiern der Gilden hierher eskortierten, steht nun vor den Toren Wache. Als könnten sie uns hier tatsächlich festhalten.


    Aber wozu?

    Was sollte Aufbegehren jetzt noch bringen? Die Krone hat uns verbannt. Die Kirche wird sich von uns abwenden. Wir stehen allein.


    Ein Dutzend...


    Der Orden ist geschlagen. Die Hexe ist tot – und doch hat sie gesiegt.

    Ist dies also das Ende?

    Hier sitzen und auf das warten, was man uns auferlegt? Entscheidungen abwarten, die über unser Schicksal gefällt werden?

    Unser Vater hätte gewusst, was zu tun wäre. Er hätte uns geführt, uns Halt gegeben. Ich bin nicht er. Ich weiß nicht, wie ich den Rest von uns zusammenhalten soll.

    Vielleicht hatten sie recht. Madame Marethi. Die Krieger der Gilde. Vielleicht haben wir es verdient. Ich sehe die Magierin vor mir, höre ihre Worte: „Ich hab es ja gesagt.“


    Während ich durch dieses Buch blättere, schwirren Hunderte Fragen durch meinen Kopf. Zweifel nagen an mir. Die Gedanken unseres Vaters sind verschlungen, vieles entzieht sich meinem Verständnis – und manches ist erschreckend eindeutig.

    Die Almuna. Die Amulette. Wir – die Hexenjäger.

    Ich wusste, dass er Geheimnisse hütete. Viele davon teilte ich. Doch ich hätte niemals gedacht, dass er solch tiefe, solch dunkle Wahrheiten verborgen hielt.


    Stendarr, steh mir bei!

    Wie soll ich diese Last tragen? Wie soll ich es den anderen begreiflich machen? Sollte ich es ihnen überhaupt sagen – oder wäre es besser, dieses Buch den Flammen zu überlassen, so wie es beinahe geschehen wäre?


    Vielleicht wäre es besser.


    Vielleicht sollten diese Geheimnisse niemals ans Licht kommen.


    Sie sollten ihren Vater in Erinnerung behalten als den gütigen, weisen und entschlossenen Mann, der er für sie war.


    Ich will ihn so in Erinnerung behalten!


    Denn die Wahrheit ist zu schrecklich...


    Der Orden liegt in Trümmern. Die Geschichten über das, was sich hier zugetragen hat, werden sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Niemand wird je wieder die Hexenjäger um Hilfe ersuchen. Wir sind verdammt – und mit jeder Minute, die verstreicht, glaube ich nicht mehr daran.


    Nein.


    Ich weiß, dass wir uns selbst verdammt haben!


    Vermutlich verdienen wir dieses Schicksal.

    Haben wir einen falschen Weg eingeschchlagen? Haben wir zu blind gehorcht? Ist es nicht möglich, einen anderen Pfad zu wählen?

    Ich darf nicht aufgeben.

    Solange die Kinder des Ordens leben, besteht Hoffnung.

    Meine Brüder.

    Meine Schwestern.

    Sie zählen in dieser Stunde auf mich – auf ihre Kommandantin. Ich darf sie jetzt nicht im Stich lassen. Ich darf sie nicht im Ungewissen lassen.

    Ich muss stark bleiben. Für sie. Für den Orden.

    Was immer auch geschehen mag: Wir stehen beisammen. Geeint.

    Ich werde die Hoffnung nicht aufgeben!

    [DB] Wegesruh

    Der Herold der Krone betrat an diesem verhangenen Mittag den Marktplatz von Wegesruh. Ein kalter Wind trug den Geruch des Meeres zwischen die steinernen Fassaden, und tiefhängende Wolken ließen Regen erwarten. Dennoch hatten sich Bürger eingefunden – Händler, Handwerker, Matrosen auf Landgang, neugierige Kinder, misstrauische Blicke.

    Der Mann stieg auf das hölzerne Podest, das sonst für Marktankündigungen und Steuererlasse genutzt wurde. Sein Wappenrock trug die Farben der Krone, sauber, unbefleckt. Er ließ den Blick langsam über die Menge gleiten, als würde er nicht zählen, sondern wägen. Dann straffte er die Schultern, entrollte eine versiegelte Pergamentrolle und hob die Stimme.

    „Höret, höret!

    Im Namen Ihrer Majestät und unter dem Siegel der Krone ergeht folgende Verkündung an alle Bürger Wegesruhs!“

    Ein Murmeln ging durch die Reihen, verebbte.

    „Der Orden der Hexenjäger, welcher auf Geheiß der Krone zum Schutze der Stadt berufen wurde, hat seinen Auftrag in Wegesruh als beendet zu betrachten. Mit sofortiger Wirkung ist es den Mitgliedern dieses Ordens untersagt, innerhalb der Stadtmauern zu wirken, zu verweilen oder Befugnisse auszuüben.“

    Ein kurzer Atemzug. Das Pergament raschelte.

    „Die Wahrung von Recht und Ordnung obliegt fortan wieder allein den anerkannten Institutionen der Krone und der Stadtwache. Wegesruh steht unter ihrem Schutz. Die Sicherheit der Bürgerschaft ist gewährleistet.“

    Der Herold hob den Kopf, die Stimme nun schärfer, formeller.

    „Ferner wird hiermit kundgetan: Jedwede Kollaboration mit Mitgliedern des Ordens der Hexenjäger – sei es durch Beherbergung, Unterstützung, Verschleierung oder Beistand – gilt als Zuwiderhandlung gegen die Ordnung der Stadt und wird nach geltendem Recht geahndet.“

    Einige Köpfe senkten sich. Andere reckten sich höher.

    „Diese Maßnahme dient der Wiederherstellung des Friedens und der Einheit Wegesruhs. Die Krone duldet keine ungebundene Gewalt innerhalb ihrer Mauern.“

    Er rollte das Pergament zusammen, schlug das Siegel mit einem knappen Nicken an die Brust und setzte nach, fast beiläufig:

    „So gesprochen. So beschlossen.“

    Dann stieg er vom Podest, begleitet vom ersten Donnergrollen über der Bucht. Das Murmeln kehrte zurück. Leiser, dichter. Und irgendwo zwischen den Stimmen lag die unausgesprochene Frage, die niemand laut stellte: Wenn alles wieder in Ordnung war – warum fühlte es sich dann so gar nicht danach an?

    [DB] Wegesruh


    Man munkelt, in den frühen Abendstunden habe sich ein ungewöhnlicher Aufmarsch am Osttor ereignet. Krieger und Magier – Vertreter beider Gilden – seien dort gesichtet worden, in Begleitung einiger Bediensteter aus dem Gefolge der Baronesse Chevailleur. Angeblich hätten sie prächtige Pferde aus ihrer eigenen Zucht entgegengenommen – Dorneaux-Mischlinge, kräftig und ausdauernd, und sogar einige Tiere aus der edlen Morvalier-Linie.


    Wer sie sah, schwört: Diese Männer und Frauen waren zum Kampf gerüstet. Und während die Menge rätselte, wohin sie wohl aufbrechen mochten, sollen Magier unter Leitung des Gildenmagisters Benry Claverie – mit der Hallenvögtin Vush gra-Kreeg höchstselbst anwesend – außerhalb der Stadt ein mächtiges Portal geöffnet haben. Das Geräusch der Magie, sagen Zeugen, sei noch bis in die Unterstadt gedrungen, ein tiefes Grollen, als würde der Himmel selbst kurz erzittern.


    Etwa fünfzig Krieger, Magier und Reiter samt ihren Pferden seien schließlich durch dieses Tor getreten – in eine Richtung, die niemand kennt.

    Wohin sie gingen, das bleibt ein wohlgehütetes Geheimnis.


    Doch man erinnere sich: Erst vor wenigen Tagen war der Orden der Hexenjäger unter Bewachung von Krieger- und Magiergilde, sowie der Löwengarde aus der Stadt eskortiert worden. Könnte das alles miteinander zusammenhängen? Wurde hier Verstärkung entsandt – oder verfolgt man ein ganz anderes Ziel?


    Unter den Aufgebotenen habe man bekannte Gesichter erkannt: Maga Aethyra Marethi, den Gelehrten Hector Ambassador, dessen Schriften unter Magiern für Aufsehen sorgte, sowie Offizier Ka’lith und die Kriegerin Le’han – jene, über die die Silberzunge zuletzt so gern getuschelt hatte.


    Als das Portal schließlich erlosch und die Letzten in der Ferne verschwanden, kehrten die verbliebenen Magier und Wachen still in die Stadt zurück.

    Doch seither, so sagen viele, patrouillieren die Stadtwachen häufiger, und in den Gildenhallen brennt bis tief in die Nacht Licht.


    Etwas liegt in der Luft, raunen die Leute in den Tavernen.

    Ein Knistern, ein Druck – als würde Wegesruh den Atem anhalten.

    Die Ruhe vor dem Sturm, sagen sie.

    Und keiner weiß, wann er losbricht.

    Eine Entscheidung fällen


    Vivienne sank schwer auf ihren Stuhl, die Hand an die Schläfe gedrückt, als müsse sie den Schmerz aus ihrem Kopf pressen. Eine Welle von Zorn hatte sie heimgesucht – glühend, hemmungslos, erbarmungslos. Doch es war nicht ihr eigener Zorn. Sie spürte ihn wie Feuer in ihren Adern, fremd und doch unverkennbar. Ihr Blick glitt unwillkürlich in jene Himmelsrichtung, in der die Festung des Ordens lag. Der Großmeister. Etwas war geschehen. Sein Kummer, sein Zorn, brandete durch das Band, das ihn mit all seinen Kindern verknüpfte – Brüdern und Schwestern, die im gleichen Augenblick dasselbe empfunden haben mussten. Manchmal geschah es, dass sie seine Gefühle streiften, doch nie mit solcher Deutlichkeit. Für einen Atemzug hatte es sie beinahe erstickt. Nun aber zwang sie sich, Haltung zu bewahren. Sie war die Eiserne Lady, Kommandantin der Kompanie Eisenfaust.


    Ihr Blick fiel auf den Stapel Berichte, der wie ein stiller Vorwurf auf dem Schreibtisch lastete. Die Ermittlungen im Mord an ihren Männern hatten keinen entscheidenden Fortschritt gebracht. Noch immer hing ihre Theorie im Raum – Vampire, im Dienste dunkler Mächte, verborgen in den Schatten. Doch Beweise fehlten, und während sie suchte, mehrten sich bereits neue Gerüchte. Von Leichen, die man außerhalb der Stadt fand. Von Todesarten, die der Handschrift ihrer Feinde allzu ähnlich sahen.


    Wegesruh. Diese Stadt war wie ein Magnet für das Verderben. Sie war hierher gerufen worden, um Ordnung zu schaffen, um den Einfluss daedrischer Machenschaften zu brechen. Doch je mehr sie kämpfte, desto mehr schien das Dunkel zuzunehmen. Schatten, die nicht weichen wollten. Wer sonst sollte sich ihnen stellen, wenn nicht der Orden? Die Kriegergilde? Die Magiergilde mit ihrer ach so berühmten Neutralität? Dass sie sich überhaupt gegen die Dreugh verbündet hatten, wunderte sie bis heute. Kaum war diese Gefahr gebannt, verfielen sie wieder in ihr gleichgültiges Schweigen. Und die Stadtwache? Nicht ausgebildet, nicht gewappnet für Bedrohungen von solcher Art. Nur der Orden war Bollwerk und Schild gegen das Unheil – und selbst in seiner heiligen Feste regte sich nun das Verderben.


    Vor Wochen hatte der Großmeister sie zurückgerufen, doch der Tod ihrer Männer hielt sie hier. Sie hatte um Aufschub gebeten, doch ihre Briefe blieben ohne Antwort. Eric und der Heiler Llovryn waren längst aufgebrochen, um Spuren zu den Toten zu finden – und insgeheim auch, um den Zustand der Festung zu prüfen. Der Großmeister schwieg, und sie hing zwischen Pflicht und Schuld, zwischen Gehorsam und Gerechtigkeit. Sie schuldete es ihren Gefallenen, die Schuldigen zu finden. Doch sie war auch gebunden an das Wort ihres Meisters. Was sollte sie tun?


    Ein Poltern an der Tür riss sie jäh aus ihren Gedanken. Ihr Leibwächter trat ein – ohne anzuklopfen, was seiner Art nicht entsprach. Atemlos beugte er sich zu ihr, flüsterte Worte, als fürchtete er, die Mauern könnten Lauscher haben. Dann richtete er sich auf, ernst, unbeweglich.

    Vivienne fühlte, wie die Kraft aus ihrem Körper wich. Starr blickte sie nach vorn, ihr Inneres ein einziger Schrei. Perrin war tot.

    Einen Herzschlag lang herrschte Stille. Dann kam der Zorn – nicht fremd, nicht geborgt, sondern ihr eigener, brennend, verzehrend. Genug. Genug Blut, genug Opfer. Diese Stadt hatte schon zu viele ihrer Männer gefordert.

    „Elouan“, sagte sie, die Stimme hart wie geschmiedetes Eisen. Langsam richtete sie sich auf, ballte die Fäuste an den Seiten. „Geh nach Dreughseit. Weist Quartiermeister Borris an, die Kompanie zu mobilisieren. Ich hole Cedric, Adrien – und die übrigen Hexenjäger in der Stadt.“

    Elouan nickte knapp und verließ den Raum.

    Vivienne blieb zurück, aufgerichtet, unerschütterlich, auch wenn in ihr alles bebte. Ihr Blick flackerte, die Hände brannten vor Ungeduld. Der Entschluss war gefallen – und mit ihm gab es kein Zurück mehr...

    Ordnung kennt kein Vertrauen


    Aus dem Tagebuch von Valdrigue Esharoth - Großmeister des Orden der Hexenjäger...


    Es ist vollbracht. Die Fragmente sind verborgen – sicher getrennt, versiegelt durch Bann und Ort. Nicht aus Angst vor ihrer Macht, nicht aus Barmherzigkeit gegenüber jenen, die sie verderben könnten. Nein. Ich allein soll über sie gebieten, wenn die Stunde gekommen ist. Und bis dahin soll niemand ihre Spur finden. Nicht einmal jene, die glauben, sie hätten das Recht, danach zu suchen.

    Ich wählte den Pfad selbst, führte die Kiste in die Tiefe, hinab in den gierigen Schlund des Meeres, wo sie nun ruht – jenseits aller Karten, fernab jeder Straße. Mögen sie greifen, so tief sie können – das Meer gibt nicht zurück, was ich ihm anvertraue.


    Die zweite Hälfte ließ ich in ihre Obhut. Ein kalkuliertes Risiko. Ich weiß, wo sie liegt. Ich weiß, wie ich sie finde. Und niemand sonst. Sollte der Tag kommen, an dem ich das Feuer wieder entfesseln will – oder muss – werde ich es zurückholen. Und sollte sie je auf die Idee kommen, mich zu hintergehen, wird sie sehr schnell lernen, wie wenig Spielraum dieses Vertrauen ihr ließ.

    Aethyra Marethi war meine Begleitung, eine Zweckgemeinschaft, nichts weiter. Ihre Magie ist zweifelsohne kraftvoll, ihre Kontrolle über arkanes Geflecht bemerkenswert. Doch je länger ich an ihrer Seite wandelte, desto mehr fiel mir auf, wie wenig sie spricht – und wie viel sie dennoch sagt. Zwischen all der Kälte und dem stummen Kalkül, das sie wie einen Mantel trägt, schimmert etwas hindurch, das mir missfällt. Keine offene Bedrohung, keine klare Absicht, sondern ein Echo aus einer Tiefe, die nicht die unsere ist.


    Ich erinnere mich an die Domäne, in der ich einst gefangen lag – dort, wo die Schatten selbst eine Form annahmen und das Licht keinen Anspruch mehr erhob. Ein Ort jenseits der Schwelle, ein Kerker, geformt nicht aus Mauern, sondern aus Wissen. Sie kam dorthin – nicht suchend, nein, wissend. Sie betrat jene Schwärze nicht als Fremde, sondern als jemand, der deren Sprache versteht. Es war dort, in jener ewigen Stille, dass ich zum ersten Mal spürte, wie eng sie mit etwas verbunden ist, das nicht benannt werden will. Die Leere. Der Hunger nach Erkenntnis, der sich als Ordnung tarnt.


    Wir sprachen über Schicksal, über Pfade, die sich kreuzen. Ich sagte ihr, dass unser Zusammentreffen kein Zufall sei. Dass es eine Art Vorsehung war, ein Faden, gesponnen lange bevor einer von uns wusste, worauf er zulief. Sie antwortete kühl, wie sie es immer tut, mit einer Mischung aus Spott und Gleichmut, die selbst in ihren leisesten Worten den Glauben an Zufälle lächerlich erscheinen ließ.

    Doch was mir wirklich missfiel, war das, was sie am Ende sagte – oder vielmehr andeutete. Sie sprach nicht vom Artefakt, nicht von Magie, nicht von der Leere, sondern von meinen eigenen Leuten. Sie fragte, ob ich ihnen wirklich traute. Ob ich meine Hand für sie ins Feuer legen würde. Ob ich sicher sei, dass nicht längst jemand ihren Willen verloren habe, verwirrt durch fremden Einfluss, durch Zauber, durch sanftes Flüstern im falschen Ohr.


    Welch dreiste Anmaßung!

    Wie gering sie mich doch in Wahrheit einschätzen muss, wenn sie glaubt, dass ich es nicht wüsste. Dass ich nicht längst jedes Wort, jede Regung, jeden Zweifel bemerke, wenn er aufkeimt. Ich bin nicht blind für das, was im Herzen meiner Jäger schlägt – ich habe sie geformt, geprägt, geprüft. Keiner von ihnen könnte mich verraten, ohne dass ich es wüsste. Und sollte es doch einer wagen, dann wird er den Preis zahlen, lange bevor er es selbst begreift.


    Es war ein Moment der Offenbarung, aber nicht über sie – über uns. Ich begriff, wie weit sie von mir entfernt ist, trotz aller gemeinsamen Wege. Sie ist nützlich, vielleicht sogar notwendig in diesen Zeiten. Aber sie bleibt ein Fremdkörper, ein kalter Splitter inmitten der Glut. Ihr Denken kennt keine Treue, keine Pflicht, keine Disziplin. Sie versteht nichts von dem, was ich erschaffen habe. Nichts von der Ordnung, die ich mit Blut, Eid und Opfer gesichert habe.

    Sie hält mich für fehlbar. Für angreifbar. Für einen alten Mann, der mit einem morschen Stab durch eine Welt aus Messern schreitet, hoffend, nicht zu fallen. Doch sie irrt sich. Ich bin nicht alt. Ich bin ewig, so wie das Werk, das ich schütze. Ich bin der Wächter und der Richter. Ich sehe klar, auch wenn der Schleier sich senkt. Auch wenn selbst Verbündete Nebel mit sich tragen.


    Unsere Feinde mögen listig sein. Die Welt mag sich wandeln. Doch ich bleibe. Und ich wache.

    Der Schatten unter Meridias Licht



    Aus dem Tagebuch von Valdrigue Esharoth - Großmeister des Orden der Hexenjäger zu den Ereignissen in der uralten Ruine, hoch in den Bergen von Himmelsrand...


    Das Licht war mit mir. Wie könnte es auch anders sein?

    Das Werk ist nicht vollendet, gewiss, doch ein bedeutender Schritt ist getan. Die Finsternis wich vor dem reinen Zorn des Lichts zurück, so wie es stets geschieht, wenn ich den Pfad beschreite.


    Sie waren Töchter von Raben, Dienerinnen der Spinne - der Name einer abscheulichen Kreatur, deren Fäden weit über das hinausreichen, was das gewöhnliche Auge zu sehen vermag. Ihre Anführerin, eine Vettel namens „Mutter Rabenklaue“, bebte unter den Klingen meiner Kinder: Cinis, deren Herz in kaltem Silber schlägt, und Ajahra, die… sich als nützlich erweist. Mutter Rabenklaue - ein alter Name in den Aufzeichnungen des Ordens. Sie war es einst, die die Kinder der Berge nach den Artefakten in Sturmhafen und Glenumbra suchen ließ, nach den beiden Teilen der Bestienfackel, die nun mein ist! Nun ist sie tot.


    Die Geister des Ortes, rastlos und in vergessener Zunge klagend - Worte, denen nur Ajahra zu lauschen vermochte -, gaben letztlich bereitwillig preis, was sie schützen mussten. Auch Tote gehorchen, wenn man ihnen zeigt, wer das größere Feuer entfacht. Die Seelen der Gefangenen zu befreien, geschah nicht aus Mitleid, oh nein - aus Notwendigkeit! Sie waren die Schlüssel, nichts weiter. Werkzeuge, wie so vieles auf dieser Welt. Wir haben getan, was nötig war.


    Die Ruinen - uralt, in den eisigen Gipfeln Himmelsrands gelegen, ayleïdisch vermutlich (oder sind es doch Überreste der Schneeelfen, von denen Sagen und Legenden berichten?) - bargen mehr als nur Staub. Ein Artefakt, gespeist mit göttlicher Macht, verborgen hinter Bannkreisen und Barrieren, deren Struktur selbst mir kurzzeitig Rätsel aufgab: "Das läuternde Urteil"!

    Welch Ironie, dass es Meridias Licht war, das mir den Pfad zum Triumph ebnete. Meridia - Fürstin von Farbenspiel! Und doch… auch sie muss sich dem Willen des Gerechten fügen. Ich habe ihre Kraft gelenkt. Ich - und nicht sie!


    Es war mein Wille, der die Varlasteine erschütterte. Mein Ruf, dem das Relikt antwortete. Meine Entscheidung, Meridias Schrein zu erwecken und ihr Werkzeug gegen Hircine zu führen.


    Ich spüre, dass wir diesen verteufelten Hexen einen Schritt voraus sind. Die Spinne wird sich winden. Ihre Schergen mögen schäumen vor Hass – aber Hass ist nur ein schwacher Abklatsch der Ordnung, die ich bringe.


    Ich bin der Sturm, der über Hochfels fegt, und all das Kriechende, das Flüsternde, das Korrumpierte unter sich begräbt. Ich bin die brennende Klinge. Der Funke, aus dem die Flamme der Läuterung wächst. Ich bin „Vater“. Ich bin der Letzte der Esharoth. Und wenn ich allein gegen die Dunkelheit stehe, so soll sie erzittern. Denn ich habe dem Jäger die Fänge aus dem Maul gerissen und ihn gezähmt wie ein Hündchen. Ich habe das Tier unterworfen und ihm meine Stimme verliehen. Ich habe den Spiegel zerbrochen, in dem die Daedra sich selbst bewunderten - und darin mein Ebenbild gefunden.


    Nein, dies war kein Sieg. Dies war nur der Anfang. Die Jagd hat begonnen. Und ich bin es der die Hunde von der Leine lässt!




    [DB] Wegesruh

    Wegesruh erhebt sich – Mit Würde, Wachs und Wunderwerk!

    Wegesruh, Kronjuwel des Dolchsturz-Bündnisses, Hort der Klugheit und Bastion des Fortschritts, hat schon manch finsteren Schatten überstanden. Doch selbst unter den Schleimspuren der Belagerung - als Dreugh die Tore belagerten und der Westen nach Ozean und Unheil roch - hat unser unermüdlicher Geist nicht geruht. Während andere klagten, forschten wir. Während andere verbrannten, konservierten wir. Und so kam es, dass die Gelehrten der ehrwürdigen Magiergilde, flankiert von den besten Alchemisten, Modisten und Küchenmeistern der Stadt, sich einer einfachen Frage widmeten:


    „Was tun mit all dem Krabbengetier?“


    Die Antwort? Ein Feuerwerk der Innovation:


    Dreughcrème

    Glanz der Tiefe

    Für eine Haut so glatt, dass selbst Altmer vor Neid erblassen!


    Krabb’ & Knusper

    Dreughklauen in heißem Öl

    Knusprig. Köstlich. Knapper Vorrat. Greifen Sie zu, bevor die Kinder alles fressen!


    Chitin-Chic von Meister Georence

    Hüte, die schreien: „Ich war dabei!“ und das nicht nur modisch. Jeder ist ein Einzelstück. Manche leben noch!


    Essenz der Seehexe

    Vertreibt Elfen!

    Ein Spritzer genügt, und Elfen fliehen, als hätte man ihnen das Steuerformular für Wegzoll gereicht.


    Wegesruh lebt. Mehr denn je.

    Dank Mut, Magie und einer überraschend vielseitigen Krustentierplage.

    Erhältlich bei ausgewählten Händlern, an Gildenständen und im Chironasium.

    Von der Hafenmeisterei nur bedingt empfohlen. Anwendung auf eigene Gefahr.



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    Die Bestienfackel


    An den Großmeister des Ordens, unser aller Vater

    Betreff: Bericht zur Begegnung mit den „Hexen“ aus Wegesruh

    Ort: Feste des Ordens

    Verfasst durch: Schwester Celeste von den Roten Händen




    Vater,


    mit ergebener und ungebrochener Treue übermittle ich Euch den Bericht über die heutigen Ereignisse innerhalb der Mauern Eurer Festung – jene Stätte, die durch Eure Weisheit zur Bastion gegen das Fäulnisgezücht der Welt wurde.


    Der Besuch der Gesandten aus Wegesruh – Maga Aethyra Marethi, die Paladin Solyana Coste und Magistra Velynea von der Magiergilde – erfolgte auf ausdrücklicher Anweisung unserer Kommandantin. Selbstverständlich war ich über alle Aspekte ihrer Ankunft informiert, auch über die besondere Natur von Velyneas Erscheinung. Ihre körperlich durchaus präsente Form ist... faszinierend in ihrer Anmaßung.


    Trotz des Vorwissens ließ ich den Bannkreis der Festung unangetastet – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Notwendigkeit. Wer in unserer Domäne Einlass begehrt, muss geprüft werden. Und wer den Mantel von Sterblichkeit und Geisterwesen zugleich trägt, sollte wissen, wie es sich anfühlt, wenn man gegen Mauern aus Glauben und göttlichem Zorn stößt!


    Im Verlauf des Besuches zeigten sich die Damen – insbesondere diese Hexe Velynea – in ihrer gewohnt überheblichen Art. Sie titulierte mich als „Dienerin“ und verlangte Wein und Schnittchen, als wäre sie in einem Haus für lebendige Kurzweil. Ich kam ihren Wünschen selbstverständlich nach. Ich diene, Vater – aber ich diene Euch. Niemals ihnen.


    Im Verlies begannen die Magierinnen mit der Analyse der Schutzmechanismen um das Artefakt Hircines. Aethyra Marethi gelang es, sämtliche Barrieren zu erkennen, zu klassifizieren und korrekt zu deuten:

    • Die drei Ankerschlösser
    • Der aedrisch wirkende Bann, gespeist aus der Kapelle Stendarrs
    • Und die von Euch geschaffene Kuppel,
    • sowie der Schutzzauber über der Zellentür

    Die Magierinnen zeigten sich beeindruckt, doch nicht dankbar. Sie warfen Fragen auf. Wenn Aethyra Marethi sie versteht, könnten es dann nicht auch andere? Und wenn man versteht, was wirkt – könnte man es nicht auch lösen?


    Ich bezweifle nicht, dass Ihr, Vater, auch diesen Gedanken längst gedacht habt. Ich wage nur, ihn zu benennen.

    Neben diesen Erwägungen warfen sie auch materielle Bedenken auf: Die Erhaltung der Schutzzauber sei mit hohem Magickaverbrauch verbunden.

    Da unser Orden – durch schändliche Intrigen geschwächt – wirtschaftlich blutet, stellen sich düstere Fragen: Können wir uns diese Verteidigung auf Dauer leisten? Werden wir gezwungen sein zu wählen zwischen Wächtern aus Fleisch oder Bannen aus Magie?


    Paladin Solyana sprach von Zerstörung, Velynea von Verlagerung in eine Taschendimension. Sie will den Großkönig involvieren. Coste jedoch – und hier zeigt sie Vernunft – wies darauf hin, dass dieser bereits im Schlamm des Allianzkriegs versinkt. Sie alle wollen entscheiden – doch es ist nicht ihre Entscheidung. Das Artefakt wurde nicht aus Zufall hierhergebracht. Es dient einem Zweck. Eurem Zweck, Vater.

    Ich zweifle nicht. Ihr wisst, was Ihr tut. Eure Weisheit beschämt uns. In Eurem Licht werden wir gedeihen.

    Aber ich spüre, dass sie Euch das Relikt entwinden wollen. Verstecken. Vernichten. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber sie werden es versuchen.


    Abschließend übermittle ich den Wunsch von Maga Marethi, eine Audienz mit Euch zu erhalten. Auch Solyana zeigte Interesse. Ich überlasse es Eurem Urteil, ob Ihr ihnen Gehör schenken wollt.



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    Eure ergebene


    Celeste

    Die Kräuterprobe


    Man sagt, die Kräuterprobe sei mehr als nur eine Prüfung des Körpers. Sie raube einem die Sinne, entblöße die Wahrheit und breche den Willen – leise, schleichend, unerbittlich. Was in jenen Kammern wirklich geschieht, weiß nur, wer sie überlebt. Und nicht alle tun das.

    Doch dieser Tage flüstert man hinter vorgehaltener Hand von einer bestimmten Rekrutin: Ajahra – die schweigsame Khajiit mit den stechend blauen Augen, aus denen man nichts herauslas. Weder Herkunft noch Vergangenheit waren je bekannt. Ein Geist ohne Schatten.


    Sie sei zur Probe angetreten, hieß es, und das nicht auf eigenen Wunsch – sondern auf direkten Befehl des Großmeisters. Man munkelt von Flaschen voller Gift, von Halluzinationen, Zuckungen und Schreien, die aus den Tiefengewölben der Ordensfeste gedrungen seien. Grauenhafte Laute, begleitet von geisterhaftem Licht, das dort unten grün in den Nischen der Wände brannte.


    Die Alchemisten schweigen – zumindest, wenn andere zugegen sind. Und doch kursieren Worte. Im Vertrauen raunte man sich zu: „So reibungslos sei eine Probe noch nie verlaufen.“


    Und dann ist da noch dieses Gerücht – nur ein Gerücht, natürlich –, dass eine Schwester der Roten Hände anwesend gewesen sein soll. Celeste, mit dem Lächeln wie Honig und dem Herz aus Eis. Es heißt, wenn sich die Roten Hände kümmern, wird aus einer Prüfung etwas anderes. Meist bleibt ein Geständnis zurück. Oder etwas wird aufgedeckt, das man lieber verborgen gehalten hätte.


    Was genau in den verborgenen Kammern geschah, was Ajahra preisgab – oder eben nicht – bleibt unklar. Nur eines ist sicher:

    Sie hat die Probe überstanden. Doch sie hat die Kammer nicht in dem Zustand verlassen, in dem sie sie betreten hat. Ob das gut war – oder gefährlich – das wird sich erst noch zeigen.


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    Der Azurball von Wegesruh – Ein Frühlingsnachtstraum in Blau


    Vor den ehrwürdigen Mauern Wegesruhs, dort wo das Grün des Frühlings erste Knospen trieb, wurde jener Abend zu einem Bild aus Licht, Farbe und Hoffnung: Der Azurball – ein Fest des Volkes, ein Fest der Freude, gefeiert zu Ehren des Sieges über die Dreugh und als Willkommen an das wiederkehrende Licht des Frühlings.


    Schon in der Dämmerung begannen sich die Wege zum Festplatz mit Leben zu füllen. Edle und einfache Leute, Kinder und Greise, Kriegerinnen und Bäckerburschen – alle fanden sich ein unter dem schützenden Blätterdach hoher Bäume, deren Äste in saphirblauer Blüte standen. Zwischen ihnen schwebten irrlichtergleiche Lichter – wie Glühwürmchen in den Farben des Azurs – und tauchten den Platz in ein geheimnisvolles, beinahe ätherisches Leuchten.


    Eine breite Tanzfläche aus dunklem Holz wurde zur Bühne flüchtiger Begegnungen und ausgelassener Drehungen, während im großen Festzelt gegessen, gelacht und getrunken wurde. Über allem lag der Duft von gebratenem Wild, süßer Weine und frischem Kuchen. Die Freude war ansteckend, die Musik lebendig – von Lauten, Flöten und Trommeln getragen.


    Doch der heimliche Höhepunkt war zweifelsohne der große Kostümwettbewerb, ausgerufen und mit süffisanter Eleganz moderiert von der gefeierten Modeberaterin Melkt-Mäuse. Mit geschultem Blick und spitzer Zunge streifte sie durch die Menge, kommentierte jedes Detail und ließ keinen Stoffzipfel unbemerkt. Das Thema des Abends war Blau – und so flanierten Gestalten wie aus einem Traum: mitternachtsblaue Seide, indigofarbene Schleier, azurgetönte Federn und glitzernder Stoff, der an das Funkelm von Sternen über der Iliac-Bucht erinnerte.


    Ungefähr zur Mitte des Abends jedoch riss ein Auftritt alle Blicke auf sich – wenn auch nicht aus Bewunderung: Eine Baroness, deren Name nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde, erschien in leuchtendem, scharlachrotem Kleid. Eine Provokation – wenn nicht gar ein Affront – an das festgelegte Farbthema des Abends. Wie eine Flamme im Meer der Blautöne schritt sie auf das Podium und verkündete die Gründung der Esharoth-Stiftung, eine private Initiative zur finanziellen Unterstützung des geschwächten Ordens der Hexenjäger. Ihre Worte waren edel gewählt, ihr Anliegen gewiss von Wert – doch ihr Auftritt wurde als skandalös katastrophal aufgenommen. Man sprach später mehr über das Rot ihres Kleides als über das Schicksal des Ordens, und in den Weinschalen flossen Kommentare wie Wasser.


    Am Ende der Nacht, als das Licht der Irrlichter mit dem Glanz der Sterne wetteiferte, kürte Melkt-Mäuse die prächtigsten Erscheinungen:

    Der dritte Platz, gewann ein verzaubertes Amulett – gefertigt von der angesehenen Maga Aethyra Marethi.

    Der zweite Preis, eine maßgefertigte Waffe aus den Händen des ehrbaren Schmieds von Wegesruh, ging an eine wagemutigen Abenteurerin in fließenden Gewändern.

    Der erste Preis jedoch, eine Einladung zum begehrten Funkenball des Marquis Barring, ging an ein Paar, das die Herzen aller eroberte: Zwei Männer, als Eule und Fuchs gewandet – mit kunstvollen Masken und Kostümen wie aus einer anderen Welt. Ihr Auftritt war märchenhaft, ihre Anmut rätselhaft, ihr Zusammenspiel schlicht bezaubernd.


    Mit einem farbenprächtigen Feuerwerk am Firmament, das wie ein letztes Aufleuchten der Sterne wirkte, endete der Azurball. Zurück blieb der Duft des Frühlings, das Echo der Musik – und das leise Flüstern, dass jene Nacht mehr war als nur ein Fest. Es war ein Versprechen an das Licht – trotz roter Schatten.

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    Der Funkenball auf Barring Manor


    Wenn die Tore von Barring Manor sich öffnen, funkelt nicht nur der Wein in den Gläsern, sondern auch der Ruf seines Gastgebers, Marquis Barnabas Beaufort Barring, der mit unverkennbarem Charme und höfischer Wortgewandtheit jeden Gast persönlich begrüßte. Eingeladen waren ehrenwerte Persönlichkeiten aus Wegesruh, Abgesandte aus Morrowind, Forscher, Adlige – und jene, die ihren Platz in der Gesellschaft noch suchten, aber den Funken in sich trugen, den der Ball feiern sollte.


    Bereits der Empfang war ein Fest für die Sinne: Kunstvolle Illusionen wie der leuchtende Baum im Zentrum der Halle zogen neugierige Blicke auf sich, begleitet vom Duft edler Weine aus Defoes Reben. Wachen der Kriegergilde wachten streng, aber diskret über den Einlass – jeder Gast wurde gemustert, Waffen entgegengenommen, und nicht wenige spürten ein gewisses Kribbeln beim Durchschreiten der Schwelle: hier war Etikette ebenso gefragt wie Aufmerksamkeit.


    Der Marquis selbst erwies sich als charismatischer Gastgeber, der mit spitzfindigem Witz und aufrichtiger Neugier selbst Fremden das Gefühl vermittelte, vertraute Freunde zu sein. Gespräche rankten sich um vergangene Heldentaten, die Kunst der Pferdezucht, Magie, Politik – doch auch der Hoftratsch fand zwischen Wein und Kerzenschein sein stilles Echo.


    Ein besonderes Licht fiel auf die Dunmerin Aethyra Marethi, deren Ruf ihr ebenso vorausging wie ihr Verstand, sowie auf die Baroness Sha’vielle, deren ruhiger Stolz und höfisches Geschick Eindruck hinterließen. Gäste aus ganz Tamriel wurden mit großem Takt empfangen, von der blinden Nicandra Isen Krähenruf bis hin zum neugierigen Beißt-den-Staub, einem dwemerkundigen Argonier, der mehr an Illusionen als an Tanz interessiert schien.


    Zwischen höfischen Gesten, stillen Blicken und leisen Unterredungen entstanden Bande – oder wurden geprüft. Nicht alle fühlten sich in den fein geschneiderten Hallen wohl, und manch ein Gast suchte lieber das Gespräch am Rand der Gesellschaft, wo Beobachtung mehr zählte als Glanz.


    So war der Funkenball weniger ein ausgelassenes Fest wie der Azurball, sondern ein kaleidoskopisches Spiel aus Andeutungen, Diplomatie und Persönlichkeit. Ein Ort, an dem Status verhandelt, Verbindungen geknüpft und Zukunft geformt wurde – leise, aber bestimmend.


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    Mit bestem Dank an Nysha für die Collagen