Meine teure Cousine Clarisse

  • Die Komtess de Seance Vanesé Laurent schreibt über ihre Cousine Fürstin Clarisse Laurent
    Meine teure Cousine Clarisse

    Ausschnitt aus „Als Tochter des Hauses Laurent“

    von Vanesé Laurent, Komtess de Seance


    Mit Blick auf die Laurents der Gegenwart mag nicht an meine geliebten Cousine, Fürstin Clarisse Laurent vorbeikommen. Es fällt mir nicht leicht, über meine Cousine Clarisse zu sprechen. Nicht, weil mir die Worte fehlen würden – Julianos bewahre, ich habe immer Worte – sondern weil es schwer ist, sich der Person mit der gebotenen Sachlichkeit zu nähern, die sich selbst beständig jeder Form von Nüchternheit entzieht.


    Weder Gelehrten noch jene, die gerne in der Taverne den Abenteuergeschichten ferner Lande lauschen, ist der Name ein Unbekannter. Clarisse ist. Nun, wie soll ich es nennen? Ein Phänomen der Gegenwart. Für manche ein funkelnder Stern am Horizont der Entdeckerinnen und Abenteuerinnen – ein Vorbild gar, die zeigt, dass die bretonische Frau alles erreichen kann, was sie will – für andere ein unkonventionell und flatterhaftes, wenngleich geschickt in Szene gesetztes Schauspiel adeliger Selbstüberschätzung. Es ist beeindruckend, wie man mit ein paar drapierten Seidenstoffen, einem schief sitzenden Diadem und dem unvermeidlichen Staub vergangener Ruinen eine ganze Anhängerschaft um sich scharen kann. Sie stürzt sich mit Hingabe in jedes Abenteuer, sei es die „Wiederentdeckung“ von verschollenen Schätzen (von denen die Gelehrten schon lange wissen, wo sie zu finden sind, sich nur niemand die Mühe gemacht hat, sie zu bergen) bis hin zur Erforschung argonischer Paarungsrituale. (Das meine ich ernst! Falls Ihr, werter Leser, einen Blick in ihre Anmerkungen zu den Sexualpraktiken der Echsenmenschen werft, werden Euch die Wangen rot werden.)


    Versteht mich nicht falsch – Clarisse hat ihren Wert. Sie besitzt zweifelsohne Mut, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es sich dabei um Tugend oder bloße Unüberlegtheit handelt. Es gehört immerhin eine gewisse Wahnwitzigkeit dazu, allein in Begleitung ihres Leibdieners in die die verfluchte Grabanlage eines vor einem Jahrhundert verstorbenen Königs vorzudringen. Als ich hingegen in den düsteren Hallen von Enduum stand, wurde ich nicht nur vom Flüstern vergangener Zeiten begleitet, sondern von einem Expeditionskorps von Söldnern, Magiekundigen und anderen Gelehrten. Während Clarisse sich von ihrer Faszination nach Schätzen leiten lässt, sind meine treuesten Begleiter meine Feder, mein Verstand und der unermüdlichen Drang, das Vergangene zu ordnen.


    Ich habe in den Archiven dutzender Städte unter frostigen Lampen gesessen und mir die Finger an verstaubten Pergamenten wundgeblättert. Ich habe den Wappenstreit der Rielle entschlüsselt, den gefälschten Stammbaum der Marcotts entlarvt und die kaiserliche Ahnenfolge durch drei dunkle Jahrhunderte hindurch verfolgt – eine Leistung, die mir zumindest ein anerkennendes Nicken von Professor Aldren in Gwylim einbrachte. Aber keine Lieder und Geschichten, die unter dem einfachen Volke kursierten.


    Einmal, bei einem Empfang im Palastgarten von Dwynnen, bemerkte jemand mit zynischem Witz, er würde Clarisse gerne „einmal wie Vanesé denken zu sehen“. Ich schenkte ihm ein Lächeln, das höflich genug war, ihn verstummen zu lassen. Denn der Unterschied zwischen uns ist nicht intellektueller Natur. Clarisse denkt durchaus. Vor allem an sich selbst.


    Die Kunst der Selbstinszenierung beherrscht sie meisterhaft. Clarisse ist nicht nur Abenteurerin – sie ist ein Ereignis. Ihre bloße Anwesenheit scheint die Atmosphäre zu verändern, als sei sie ein lebender Roman, stets aufgeschlagen, bereit, gelesen zu werden. Und die Menschen lesen sie mit der Gier derer, die niemals gelernt haben, zwischen Fiktion und Geschichte zu unterscheiden. Der Ruhm, den sie gewinnt, vermag allerdings nicht zu verhindern, dass böse Zungen gerade von Seiten des traditionellen Adels und Magistraten, die jenen nacheifern, über die Fürstin, die lieber „Staub der Jahrhunderte aufwirbelt“ statt den Erwartungen ihres Standes nachzukommen, spötteln. Doch die Kleinbarone und edlen Herren sollen reden, wie sie wollen: Jeder weiß, wenn die Spötter keinen Fauxpas zum tratschen haben, erfinden sie einfach einen. Mache, wie die Baroness de Chevaillieur oder die Gräfin von Windburg mögen mich da verstehen.


    Der werte Leser fragt sich sicher, wie konnten die Damen de Laurent sich nur so unterschiedlich entwickeln – die eine zur gelehrten Ethnologin, stets darauf bedacht, tiefer in die Schriften ihrer Kultur und die verschlungenen Adelsstammbäume vorzudringen – die andere zur Abenteurerin, die sich in Krypten und Ruinen stürzt, ohne dabei jedoch auf ihren Nachmittagstee zu verzichten? Mag es mit daran liegen, dass ich in Verantwortung vor Familie auf unseren Ländereien in Mertensfurt groß geworden bin, während Clarisse von Anfang an, andere Freiheiten genoss? Wer vermag das schon so genau zu sagen.


    Und so bleibe ich in meinem kleinen Studierzimmer, das Glas Rotwein zur Rechten, ein unvollendetes Manuskript über den Aufstieg der Deleyns zur Linken, und frage mich, ob die Welt wirklich so leicht zu beeindrucken ist – oder ob Clarisse nicht einfach das begriffen hat, was ich stets verweigerte: Dass das Spiel der Masken nicht weniger wert ist als die Suche nach der Wahrheit.


    Aber nein – ich werde keine Maske tragen. Ich bin Vanesé Laurent. Komtess, Genealogin, Ethnologin, Erbin einer verschlungenen Geschichte, die mehr Tiefe birgt als jedes Abenteuer zwischen zwei Mondphasen.


    Und Clarisse? Clarisse wird irgendwann alt werden. Das Funkeln wird vergehen. Dann, vielleicht, werden sie nach der Wahrheit suchen. Und sie in meinen Schriften finden.

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Kommentare 1

  • Ich habe mal spaßeshalber diesen Text mit ein paar Zusatzinfos ChatGPT vorgeworfen, er solle eine Antwort generieren. Jene möchte ich euch nicht vorenthalten: