Die Kunst der Reiterei im Dienste des Hauses Chevailleur
verfasst von Sha’vielle de Chevailleur
Vorwort
an Edmond
„Dies ist nicht für die Welt geschrieben. Es ist für dich, der sie mir gezeigt hat.“
Du hast nie gefragt, ob ich dieses Buch schreiben würde. Du hast nie gewollt, dass ich aufhöre, zu leben, wenn du es nicht mehr tust.
Aber ich weiß, du hättest heimlich jeden Absatz gelesen,
den Kopf geschüttelt bei zu viel System
und dann gelächelt, wenn ich leise deinen Namen unter die Widmung gesetzt hätte.
Ich erinnere mich, wie du sagtest:
„Ein Pferd vergisst nie, wer es zuerst gefüttert hat und ein Mensch vergisst nie, wer ihn zuerst gehalten hat, als er gefallen ist.“
Du hast mich nie geführt du hast mich gehalten.
Wie ein Stall bei Sturm.
Wie ein Platz, der nach Heu und Wärme riecht.
Jetzt schreibe ich weil du nicht mehr sprichst.
Aber jedes Mal, wenn ich das Leder eines Zaumzeugs streiche oder den weichen Klang eines Hufs im Morgengrauen höre,
bist du da.
Nicht als Echo, sondern als Stille, die bleibt.
Dies ist dein Buch, Edmond.
Nicht weil du es diktiert hast sondern weil du mir beigebracht hast, wie man hinhört.
Sha’vielle
Einleitung zur Zucht und Ausbildung bretonischer Kriegspferde
verfasst von Sha’vielle de Chevailleur, Dame des Hauses Chevailleur
„Wer die Kunst der Reiterei bloß als Mittel zum Zweck begreift, hat weder das Tier verstanden noch den Reiter verdient.“
Es ist ein leichtes, ein Pferd zu kaufen. Ein Leichtes auch, es satteln zu lassen, gar es in eine Schlachtreihe zu führen. Doch ein Kriegspferd wahrhaftig, edel und gehorsam im Feuer des Gefechts wird nicht geboren, es wird geformt.
Dieses Manuskript richtet sich an jene, die mehr wollen als nur Hufe und Rücken. Es ist geschrieben für jene, die den Blick hinter den Zügel werfen wollen, in die Seele eines Tieres, das lernen muss, inmitten von Lärm, Blut und Stahl nicht zu fliehen, sondern standzuhalten.
In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit der Zucht, der frühen Ausbildung und der ritterlichen Schulung bretonischer Pferde befassen mit besonderem Augenmerk auf jene Linien, die sich durch Mut, Ausdauer und Charakter bewährt haben. Ich werde sowohl althergebrachte Methoden meines Hauses erläutern, als auch Erkenntnisse, die ich mir in zwanzig Jahren an der Seite von Ross und Reiter erarbeitet habe.
Denn das Kriegspferd ist kein Werkzeug. Es ist ein Gefährte. Und wer es nicht mit Achtung behandelt, hat auf seinem Rücken nichts verloren.
Sha’vielle de Chevailleur Baronne du Chevailleur, ehem. Verwalterin der Gestütshöfe von Hautebrêche
Kapitel I Von Blut und Boden
Über die Auswahl und Zucht bretonischer Kriegspferde
„Ein gutes Ross kennt man nicht am Preis, sondern am Gang – und an der Stille, mit der es den Schlachtlärm erträgt.“
Die Grundlage jedes Kriegspferdes ist nicht allein seine Ausbildung, sondern sein Blut. Denn so wie sich der Stahl im Feuer zeigt, so offenbart das Pferd im Sturm seine Herkunft.
Die Linien des Landes
In Hochfels, wo sich Hügel, Marschland und Küstensturm abwechseln wie Launen des Adels, haben sich verschiedene Pferdetypen herausgebildet. Nicht alle eignen sich für die Linie der Reiter. Nicht jedes starke Tier ist ein Kriegspferd.
Auf dem Gestüt Chevailleur wurden seit Generationen drei Linien gepflegt:
Die Dorneaux – kräftig, ruhig, schwer gebaut. Ursprünglich Karrpferde, doch mit überraschender Ausdauer und Mut. Sie eignen sich hervorragend für gepanzerte Reiter.
Die Morvalier – eleganter, mit
hoher Kopfhaltung und feinem Gangwerk. Weniger Gewicht, doch wendig
und stolz. Besonders beliebt bei Offizieren.
Die Braix – klein, aber zäh. Aus den Sümpfen von Gavaudon. Eher für Botenreiter oder leichte Lanzenführer – doch wehe dem, der sie unterschätzt.
Diese Linien werden nicht rein gehalten aus Eitelkeit, sondern weil sich ihre Eigenschaften bewährt haben. Die Verbindung zweier Linien geschieht mit Bedacht – Stärke und Geist müssen sich die Waage halten. Ein Tier, das nur Kraft hat, wird stumpf. Eines, das nur Geist hat, wird nervös.
Die Wahl der Stute
Der Hengst prägt, doch die Stute formt. Ihre Nerven, ihre Nachgiebigkeit, ihr Umgang mit Stall und Mensch geben das eigentliche Fundament. Die Stuten auf Chevailleur werden nicht allein nach Körperbau, sondern nach Charakter geprüft:
Wie reagieren sie auf plötzliche Bewegungen?
Lassen sie sich binden, führen, longieren ohne Zwang?
Die Prüfung einer Stute dauert Monate. Man züchtet keine Reittiere wie Gemüse. Man studiert, fühlt und respektiert.
Vom ersten Atemzug an
Ein Fohlen, das unter falschem Himmel geboren wird, kann zu keinem Helden werden. Es braucht Freiheit doch auch Ordnung. Menschen, ja, aber keine Hektik. Und vor allem: Es muss das Geräusch von Menschenstimmen mit Vertrauen verbinden, nicht mit Angst.
So beginnt die Zucht nicht mit der Paarung. Sondern mit der Wahl des Ortes. Der Stall. Die Weide. Die Hand.
Denn wer Kriegspferde züchten will, muss zuerst Hüter des Friedens sein.
Kapitel II – Der erste Tritt
Über die frühe Ausbildung bretonischer Kriegspferde
„Ein Pferd, das in Panik rennt, bringt keinen Sieg nur Tod in edler Rüstung.“
Noch ehe der erste Sattel gelegt, noch ehe ein Gebiss die Lippen teilt, beginnt die Ausbildung am Boden. Es ist ein Irrglaube vieler Neureicher, man könne ein junges Pferd zwingen, ehe es verstanden hat, was der Mensch von ihm will. Ein Kriegspferd muss nicht nur gehorchen. Es muss verstehen und das beginnt mit Vertrauen.
Die Lehre der Hand
Die erste Lektion ist die Hand. Ihre Nähe, ihre Ruhe, ihr Gewicht auf Schulter oder Stirn. Ein Fohlen, das mit sanfter, wiederkehrender Berührung aufwächst, lernt früh: Diese Wesen sind weder Beute noch Gefahr.
Die jungen Tiere auf Chevailleur werden in den ersten Monden nicht an Trense oder Seil gebunden. Sie lernen den Menschen als stillen Begleiter kennen im Stall, auf der Weide, beim Trinken. Erst wenn sie neugierig werden, bieten wir Führung an. Nicht Zwang.
Ein Pferd, das folgt, ohne gebunden zu sein, hat den ersten Schritt zur Treue getan.
Bodenarbeit ohne Bühne, ohne Peitsche
Sobald das Tier ein Jahr überschreitet, beginnt die Arbeit im Rondell. Keine Show, kein Hochmut nur klare Befehle: Schritt, Halt, Wendung. Die Stimme ist ruhig, der Blick fest. Wer schreit, hat sich nicht im Griff und verliert den Respekt des Pferdes.
Wir arbeiten mit Seil und Stimme, mit Zeichen und Wiederholung. Ein junges Tier muss lernen, auf Zuruf zu wenden, nicht auf Schlag zu springen. Besonders wichtig ist dabei die Arbeit mit Geräuschen: klapperndes Eisen, flatternde Stoffe, dumpfe Trommeln all das wird nach und nach eingeführt.
Ein Kriegspferd darf im Chaos nicht fliehen, es muss stehen.
Vertrauen, das trägt
Zwischen dem zweiten und dritten Jahr darf das Tier zum ersten Mal die volle Rüstung hören. Nicht tragen hören. Wir führen sie durch Rüstkammern, lassen sie an Ketten riechen, an Helmen schnuppern. Das Tier, das nicht scheut, wird weitergeführt.
Der erste Reiter wird nicht aufgesetzt er erscheint. Er geht mit, spricht, füttert. Erst dann Wochen später lehnt sich jemand über den Rücken. Kurz, leicht, mit Lob.
Es ist kein Bruch des Willens es ist ein Bund.
Kapitel III – Sattel & Seele
Von der Wahl des Reiters und der Einführung ins Gefecht
„Ein Pferd trägt nicht das Gewicht des Körpers, sondern den Willen des Reiters.“
Die Kunst, ein Kriegspferd zu führen, beginnt nicht mit dem Aufsitzen, sondern mit dem Verständnis, wer darauf sitzen darf.
Der Reiter , nicht jeder ist würdig
Ein gutes Pferd ist mehr als ein Träger. Es ist ein Mitstreiter. Und ein Mitstreiter verdient einen Partner, keinen Herrn. Auf Chevailleur wird kein Tier einem Reiter zugewiesen, nur weil Rang oder Rangliste es so will. Nein die Wahl ist gegenseitig.
Ein Reiter, der zerrt, schreit oder ungeduldig ist, mag auf einer Parade glänzen doch nicht im Feld. Für die jungen Morvalier etwa klug, sensibel braucht es eine ruhige Hand und ein waches Auge. Dorneaux hingegen stolz, massiv dulden keinen zögernden Tritt.
Es heißt: „Wähle dein Pferd.“ Doch wahr ist: „Das Pferd wählt dich.“
Ein jeder Rekrut, der bei uns ein Tier zugeteilt bekommt, beginnt am Boden. Führen, putzen, sprechen. Erst wenn das Tier ihn akzeptiert durch Nähe, durch Vertrauen , folgt der nächste Schritt: der Sattel.
Die erste Last
Der Sattel ist nicht der Anfang des Reitens, sondern seine Prüfung. Ein junger Hengst, der gelernt hat zu vertrauen, wird den Sattel nicht als Bedrohung empfinden sondern als neue Aufgabe.
Wir beginnen mit einem leichten Übungssattel, ohne Riemen, ohne Steigbügel. Dieser wird zuerst nur getragen, dann leicht gegurtet, später in Bewegung erprobt. Erst wenn das Tier ruhig bleibt, folgt die Steigbügelarbeit dann das erste Gewicht.
Die Sattelgewöhnung erfolgt stets in drei Phasen:
1. Akzeptanz – der Sattel wird angelegt, getragen, ignoriert.
2. Bewegung – das Pferd wird geführt, dann longiert, mit Sattel.
3. Belastung – ein Mensch lehnt sich vorsichtig, dann vollständig auf den Rücken.
Es wird nicht geritten es wird getragen, Stück für Stück.
Ins Gefecht ohne Krieg
Ein Kriegspferd muss lernen, sich in Lärm und Unordnung zu bewegen. Doch es soll nicht kämpfen, es soll tragen und durchhalten.
Wir führen unsere jungen Tiere durch Übungen mit Schildträgern, Lanzen, dumpfem Trommelschlag. Nichts wird überstürzt alles folgt einem Takt:
Vertrauen ? Gehorsam ? Belastung ? Verlässlichkeit.
In einer fortgeschrittenen Phase folgen Manöver:
Kreisreiten, Reaktion auf Hufzeichen, Sammelkommandos, Flankenwechsel. Das Tier lernt, in Formation zu bleiben, auch wenn die Welt um es schreit.
Ein Kriegspferd führt nicht den Krieg es trägt den, der ihn führen muss.
Kapitel IV – Huf, Herz, Haltung
Über Spezialisierung bretonischer Kriegspferde
„Nicht jeder Reiter führt die Lanze. Nicht jedes Pferd braucht Harnisch.“
Die Vorstellung, ein Kriegspferd sei nur ein schwerer Koloss aus Muskeln und Eisen, ist ein Irrglaube der Städte. Auf dem Feld wie auch auf dem Gestüt zeigt sich die Wahrheit: Es gibt viele Rollen, und ein gutes Gestüt bringt viele Typen hervor.
Denn wie der Soldat geformt wird nach seiner Aufgabe, so auch das Pferd.
1. Der Schildbrecher
Typ: Dorneaux-Linie
Größe: Massiv, breit, tiefbrüstig
Verwendung: Frontalangriff, Stoßlinie, Durchbruch
Diese Tiere sind die Panzer der Kavallerie mit starker Schulter, ruhigem Gemüt und gewaltigem Tritt. Sie tragen Reiter in vollem Harnisch, führen die Lanze oder das schwere Banner. Ihre Ausbildung fokussiert sich auf Geradlinigkeit, Ausdauer und Standfestigkeit im Gedränge.
Sie scheuen nicht vor Schildwall noch Stacheln.
2. Der Flankenläufer
Typ: Morvalier-Linie
Größe: Mittelgroß, wendig, aufmerksam
Verwendung: Bewegliche Reiter, Adjutanten, Befehlsträger
Sie dienen jenen, die sich schnell bewegen müssen mit klaren Reaktionen und schneller Wendung. Diese Pferde werden besonders auf Stimme und Bein trainiert, mit hoher Kopfhaltung und sicherem Tritt. Oft sieht man sie bei Anführern oder Boten in gehobenem Rang.
Ein Blick reicht, und sie wenden.
3. Der Marschträger
Typ: Kreuzungslinie, oft mit Braix-Anteil
Größe: kleiner, zäh, mit hartem Rücken
Verwendung: Versorgung, Langstrecken, Kundschafter
Sie tragen Vorräte, Boten, manchmal auch junge Rekruten. Ihre Stärke ist nicht das Gefecht sondern der Weg davor. Kaum ein anderes Pferd geht so weit, so klaglos, so verlässlich. Besonders in Hochfels’ zerklüftetem Terrain sind sie unersetzlich.
Sie tragen den Krieg nicht sie bringen ihn.
4. Der Zermürber
Typ: Dorneaux-Mischung
Größe: schwer, aber nicht langsam
Verwendung: Umfassungen, Schocktaktik, Lärmfront
Diese Tiere sind für das Unerwartete. Sie bringen Lärm, Masse, Panik in gegnerische Linien. Ihre Ausbildung beinhaltet Lärmtoleranz, Gruppenreiten in engen Formationen und das Durchbrechen von Sperren. Sie wirken weniger edel doch ihre Wirkung ist verheerend.
Ein Dutzend von ihnen und der Feind vergisst, dass er Mut hatte.
5. Der Zeremonielle
Typ: besonders geführte Morvalier
Größe: hochgewachsen, mit ruhiger Eleganz
Verwendung: Paraden, Empfänge, Hohe Anlässe
Einige mögen dies belächeln. Doch kein anderer Typ trägt ein Banner schöner, kein anderer schreitet so stolz. Ihre Ausbildung beginnt früh, mit Musik, Publikum und Stille. Sie sind Aushängeschild und Symbol und manchmal, in großer Not, auch Reiter.
Sie tragen nicht das Schwert. Sie tragen das, was bleibt, wenn das Schwert verstummt.
Kapitel V – Wenn der Stahl schweigt
Über die Pflege und Rückführung verletzter Kriegspferde
„Man kann ein Pferd aus der Schlacht bringen doch die Schlacht nicht immer aus dem Pferd.“
Ein Pferd ist kein Schild, das man wegwirft, wenn es rissig ist.
Wer ein Tier in die Schlacht geführt hat, schuldet ihm mehr als Futter und Hufkratzer. Er schuldet ihm Fürsorge und, wenn nötig, Würde beim Rückzug.
Wunden, die man sieht
Verletzungen an Haut, Huf oder Gliedmaßen sind offensichtlich. Sie verlangen Ruhe, Geduld und einen Stall, der keine Geräusche kennt. Auf Chevailleur existiert ein gesonderter Hofteil: Der Weidegrund der Alten, ein ruhiger Ort mit weichem Boden und sanftem Licht.
Hier werden Pferde entwöhnt vom Sattel, vom Befehl, von der Erwartung. Die Verbände werden täglich gewechselt, die Stallungen so sauber wie das Herrenhaus. Denn ein Tier, das Blut für euch ließ, verdient keine zweite Klasse.
Einem Pferd die Heilung zu geben, ist die größte Prüfung des Reiters.
Wunden, die man nicht sieht
Doch schlimmer als das Gebrochene ist das Erlebte. Es gibt Pferde, die fliehen, wenn sie wieder Eisen hören. Die zucken, wenn man sie berührt, wo einst das Zaumzeug saß.
Diese Tiere brauchen Zeit und mehr noch: Stille.
Keine Kommandos. Keine fremden Hände. Keine Erwartungen.
Wir setzen auf den Stillen Pfad: ein Reitbursche führt das Tier zweimal täglich über vertraute Pfade. Kein Wort, kein Ziel. Nur Schritt, Blick, Atem. Erst wenn das Tier von selbst stehen bleibt und wartet kehrt die Bindung zurück.
Rückführung oder Ruhestand
Nicht jedes Pferd kehrt zurück in die Schlacht. Und das ist kein Versagen.
Ein Tier, das ausgebildet wurde, darf lehren. Viele alte Schlachtrösser werden bei uns Lehrmeister für Reiteranfänger. Ihre Ruhe, ihr Maß, ihr Blick helfen jenen, die zum ersten Mal satteln. Andere bleiben auf der Weide und dürfen nur noch sein.
Wer ein Pferd achtet, lässt es würdig altern.
Die Rückführung beginnt nicht im Stall. Sie beginnt im Herzen des Hauses.
In der Entscheidung, dass Wert nicht an Kraft gebunden ist sondern an Treue.
Kapitel VI – Der Hauch der Götter
Von Pferden und der Seele – Glauben, Ehre und Zeichen
„Es ist kein Aberglaube, wenn ein Tier sich weigert, einen Ort zu betreten, den der Mensch verflucht hat.“
In Hochfels lebt der Glaube in den Feldern, den Mauern und dem Atem der Tiere. Für viele mögen Pferde schlicht Besitz sein doch wer auf dem Rücken eines Rosses dem Tod gegenübersteht, beginnt zu begreifen, dass dort mehr wohnt als Muskel und Mark.
Ein gutes Pferd ist nicht nur gezüchtet es ist berührt.
Von Wind, von Blut, von Dingen, die weder Stallknecht noch Baron benennen können.
Zeichen der Aedra unter Huf und Haar
In alten Manuskripten der Klosterhöfe von Menevia findet sich oft das Motiv des pferdegestützten Boten der Götter. Es heißt, Kyne, Göttin des Himmels, berührte einst die Stirn eines Pferdes und hauchte ihm den Wind ein seither galten besonders windige Tiere als vom Willen bewegt.
Auf Chevailleur achten wir auf diese Zeichen:
Stirnwirbel in Spiralform deuten auf ein besonders instinktives Tier
Dunkler Fleck unter dem rechten Auge soll den „Blick der Acht“ verleihen
Pferde, die bei Gebeten ruhiger werden gelten als „hörend“
Diese Dinge werden nicht gelehrt. Sie werden beobachtet.
Und nicht jedes Zeichen ist göttlich doch manches ist zu eindeutig für Zufall.
Der Eidritt bei Sonnenaufgang
Junge Reiter, die ein Pferd übernehmen, durchlaufen das Ritual des Eidritts. Dabei reiten sie im ersten Licht der Sonne eine gezeichnete Acht auf das Feld ein uraltes Symbol für Ewigkeit und Verbindung.
„Acht Schritte, acht Götter, ein Herz.“
So spricht man am Ende des Ritts.
In diesem Moment gibt der Reiter kein Schwur vor dem Stallmeister ab sondern vor dem Tier selbst. Und wer dabei lügt, wird es spüren: Denn kein Pferd bleibt lange unter einem, der sich selbst betrügt.
Rückkehr in die Weiten
Wenn ein Tier stirbt, das gedient hat sei es in Schlacht oder Treue , wird es nicht vergraben wie Vieh. Die Tradition des Hauses Chevailleur verlangt den Weg zur Lichtung. Dort, wo der Wald schweigt, die Luft kühl ist, werden Pferde zur Ruhe gebettet mit Trense, ohne Zaum.
Manche Reiter besuchen diesen Ort noch Jahre später. Manche beten dort.
Denn für jene, die lange mit Rossen gelebt haben, gilt:
Ein Pferd ist keine Seele mit Hufen.
Es ist ein Teil der eigenen, der dich trägt, wenn du nicht mehr kannst.
Anhang
Regeln, Rituale und Rhythmen des Hauses Chevailleur
I. Die Stallregeln des Hauses
„Ein guter Stall ist kein Ort es ist ein Versprechen.“
1. Kein Tier wird angeschrien. Wer schreit, hat sich nicht im Griff.
2. Die erste und letzte Hand des Tages gehört dem Pferd.
3. Stallknecht, Bursche und Reiter sind gleich vor dem Tier.
4. Die Bürste ist kein Werkzeug sie ist ein Gespräch.
5. Wer stiehlt, wird vom Hof gejagt. Wer lügt, verliert sein Pferd.
6. Kein Zaum, solange kein Vertrauen.
7. Im Stall wird nicht gestritten. Die Tiere hören. Und sie merken es.
8. Wunden werden sofort gemeldet. Auch die seelischen.
9. Die Glocke schlägt den Beginn aber das Pferd bestimmt das Ende.
10. Ehre, auch wenn niemand hinsieht. Immer.
II. Tagesablauf auf dem Gestüt Chevailleur
(für Lehrreiter, Stallburschen und Jungreiter)
4. Stunde – Morgenglocke, Fütterung, Kontrolle der Ställe
5. Stunde – Erste Pflege, leichtes Bewegen der älteren Tiere
6. Stunde – Bodenarbeit mit Jungpferden, Longieren
8. Stunde – Frühstück / Stallwechsel
9. bis 11. Stunde – Ausritte, Ausbildung, Übungen auf dem Platz
Mittag – Ruhephase für Tier und Mensch
13. Stunde – Hufpflege, Ausrüstungskontrolle, Einzeltraining
15. Stunde – Theorie (für Lehrlinge), Erzählstunde alter Reiter
16. Stunde – Reinigung der Stallungen, Wasser erneuern
17. Stunde – Abendfütterung, Ruheübungen
Sonnenuntergang – Letzte Kontrolle, Gebet am Stall, Licht löschen
III. Das Ritual der Reiterwahl
„Ein Bund auf Augenhöhe“
Bevor ein Pferd einem Reiter zugewiesen wird, durchlaufen beide folgende Schritte:
1. Begegnung auf dem offenen Platz ohne Sattel, ohne Zaum. Nur Halfter.
2. Drei Schritte, drei Worte der Reiter spricht leise: „Ich bin bereit.“
3. Annäherung mit offener Hand das Pferd entscheidet, ob es bleibt oder geht.
4. Wenn das Tier bleibt: Es wird im Kreis geführt, nicht gezogen.
5. Wenn das Tier weicht: Der Reiter beginnt von vorn an einem anderen Tag.
Nur wenn gegenseitiger Wille und Respekt erkennbar sind, wird das Tier zur Ausbildung mit dem Reiter zugelassen.
„Ein Pferd mag stark sein. Doch das wahre Gewicht trägt der Bund.“
Nachwort
von Sha’vielle de Chevailleur
„Dies ist mein Werk. Doch sein Herz schlägt an vielen Stellen nicht in meinen Worten sondern in seinen.“
Ich habe dieses Manuskript geschrieben aus Pflicht, aus Erinnerung, aus Liebe zum Pferd doch ich hätte nie schreiben können, wenn nicht er vor mir gesprochen hätte. Edmond de Chevailleur war vieles: ein Baron, ein Träumer, ein Lyriker im Körper eines Landadeligen.
Doch vor allem war er Reiter.
Er schrieb nie systematisch, nie mit dem Ziel, zu lehren.
Er schrieb auf Rückseiten von Futterlisten, auf Rändern von Weinzetteln.
Aber manchmal manchmal traf er die Wahrheit mit einem Federstrich.
Diesen folgenden Abschnitt fand ich in seiner Handschrift, zwischen zwei alten Sattelunterlagen.
Von Rossen und der Stille
(Auszug aus einem Brief Edmonds an seine Frau, datiert im Frühling vor ihrer Hochzeit)
„Ich glaube, Pferde sind nicht gemacht für den Krieg sondern für den Moment davor.
Für das Zittern in der Brust, wenn alles still ist und die Welt einen Atem anhält.
Wenn du auf dem Sattel sitzt, und das Tier unter dir weiß mehr über deinen Mut als du selbst.
Ein gutes Pferd trägt nicht deinen Körper es trägt deinen Zweifel.
Und wenn es nicht flieht, bleibst auch du stehen.
Ich liebe dich, weil du das verstehst. Nicht mit Worten.
Sondern mit der Art, wie du deinen Stiefel neben das Heu stellst.
Wie du dem Tier erst den Blick gibst und dann erst die Hand.
Ich habe dir kein Gut vermacht. Kein Orden. Keine Ländereien, die ewig wären.
Aber wenn man je sagt: „Dies war ein Ort, wo Pferde Achtung fanden“
dann warst du der Grund.“
Ich habe dieses Buch beendet in der Gewissheit, dass er es nicht geschrieben hätte
aber dass er jeden Satz darin gelebt hat. Sha’vielle de Chevailleur
Witwe, Reiterin, Hüterin




