Was verborgen blieb Teil 1
Der Geruch von altem Pergament liegt schwer in der Luft, während Eric auf einer der Kisten am Rande des neu entdeckten Raumes sitzt und den Blick über die hohen Regale schweifen lässt. Bücher stehen dort, überall Bücher, manche davon so alt, dass ihre Einbände die ursprüngliche Farbe längst verloren haben. Dazwischen finden sich Phiolen, Gerätschaften und Dinge, deren Zweck sich ihm beim besten Willen nicht erschließen will. Irgendwo hinter ihm klirrt Glas und beinahe augenblicklich muss er schmunzeln. Shael. Natürlich. Kaum hatte die Alchemistin den verborgenen Raum betreten, hatte sie die Werkstatt für sich entdeckt und bereits darüber nachgedacht, wie man sie vergrößern könnte. Das Bücherregal müsse weg, hatte sie festgestellt, immerhin gäbe es viel zu wenig Arbeitsfläche. Es ist auf eine seltsame Weise beruhigend, dass sich manche Dinge offenbar niemals ändern. Erics Blick wandert weiter durch den Raum. Clavius steht irgendwo zwischen den Regalen und ist vermutlich bereits so sehr in irgendwelche alten Schriften vertieft, dass man ihn später mit Gewalt wieder daraus hervorziehen muss. Urzg hatte den Jungen bei ihrer Rückkehr beinahe erdrückt und dabei geheult wie ein Schlosshund, bis schließlich selbst Clavius aufgehört hatte, seine Tränen zurückzuhalten. Einer mehr. Der Gedanke bleibt einen Moment länger hängen als die anderen. Einer mehr, den sie wiedergefunden haben, obwohl sie ursprünglich aus einem ganz anderen Grund aufgebrochen waren.
Der Weg zurück zur alten Ordensfeste war Eric nur allzu vertraut gewesen. Entlang der Küste hatte er sie hinab zum Strand geführt und schließlich zu jenem verborgenen Versorgungstunnel, durch den Llovryn in der Nacht der Schlacht die Kinder und den Großmeister aus der brennenden Festung geschafft hatte. Damals war dieser Weg ihre Rettung gewesen; nun nutzten sie ihn, um in ihr eigenes Zuhause einzubrechen. Schon das war ein merkwürdiger Gedanke gewesen, doch noch befremdlicher fühlte es sich an, als Eric durch die Luke stieg und sich im alten Kerker wiederfand. Denn der Kerker war fort. Wo einst Zellen und Gitterstäbe gestanden hatten, wo Folterbänke und kalter Stein das Bild bestimmt hatten, plätscherte nun irgendwo Wasser und der Geruch von Weihrauch lag in der Luft. Dort, wo früher Gefangene auf ihre Befragung gewartet hatten, kümmerte sich die Kirche inzwischen um Kranke und Bedürftige. Eric wusste, dass es besser so war. Natürlich war es besser. Trotzdem hatte er einen Moment gebraucht, um den Anblick zu verdauen, denn es fühlte sich an, als wäre er nach langer Abwesenheit in sein Elternhaus zurückgekehrt und hätte feststellen müssen, dass Fremde darin lebten. Sie hatten aufgeräumt, die Wände gestrichen und all jene Dinge hinausgetragen, die ihnen nicht gefielen. Vielleicht hatten sie damit sogar recht. Das machte es nicht leichter. Also hatte Eric getan, was er in letzter Zeit erstaunlich häufig tat: Er hatte das Gefühl hinuntergeschluckt und war weitergegangen. Schließlich waren sie nicht hier, um alten Zeiten nachzutrauern oder sich anzusehen, was aus ihrem Zuhause geworden war. Ajahra brauchte ihre Hilfe, und irgendwo in den Archiven des Ordens mochten sich noch Hinweise auf jene Magie finden lassen, mit der der Thalmor sie weiterhin an sich zu binden versuchte. Solyana war vorausgegangen. Eine Paladina erregte in einer Priorei vermutlich weniger Misstrauen als drei verbannte Hexenjäger und eine gesuchte Khajiit, weshalb der Plan eigentlich gar nicht schlecht gewesen war. Zumindest bis irgendwo im Keller Glas geklirrt hatte und wenig später eine Stimme erklang, die Eric sofort erkannte. Shael. Die Gerüchte hatten behauptet, sie säße irgendwo in Wegesruh in einem Kerker. Stattdessen stand sie zwischen alchemistischen Gerätschaften und schien vor allem darüber erbost zu sein, dass irgendjemand es wagte, sie bei ihrer Arbeit zu stören. Fast hätte Eric darüber lachen können, wäre da nicht der Junge gewesen, der neben ihr stand. Clavius. „Du meine Güte, bist du gewachsen!“ Im Nachhinein betrachtet war das vielleicht nicht die geistreichste Begrüßung für einen Altmer gewesen. In diesem Augenblick hatte Eric jedoch schlicht vergessen, weshalb sie überhaupt dort waren, denn Clavius lebte. Es gab in letzter Zeit nicht viele Überraschungen, über die er sich wirklich freuen konnte. Diese gehörte dazu. Auch Shaels vermeintliche Gefangenschaft erwies sich als komplizierter, als die Gerüchte vermuten ließen. Gefangen genommen worden war sie durchaus, doch inzwischen arbeitete sie für die Kirche. Man hatte ihr ein Labor zur Verfügung gestellt, sie mit Ingredienzien und Gerätschaften versorgt und ihr offenbar genügend Freiheit gelassen, um ihre Forschungen an der Lykanthropie fortzusetzen. Es war keine völlige Freiheit, aber ebenso wenig eine Zelle. Als Shael von Metamorphosen, physiologischen Mechanismen und irgendeiner rituellen Intervention zu erzählen begann, hörte Eric aufmerksam zu – oder versuchte es zumindest. Cinis schien deutlich besser zu verstehen, worauf die Alchemistin hinauswollte, während für Eric vor allem eines hängen blieb: Shael arbeitete noch immer an einem Weg, das Fell zu kontrollieren. Und wenn Cinis mit ihren Befürchtungen recht hatte, würden sie diesen Weg bald dringender brauchen, als ihm lieb war.
Clavius wiederum wusste mehr über das Archiv. Mehr, als Eric eigentlich hören wollte. Die Kirche hatte den Jungen nach der Verbannung behalten. Sie kannte ihn, schließlich war er einst eines ihrer Kinder gewesen, ehe Vater ihn zum Orden geholt hatte, und im Vergleich zu seinen älteren Geschwistern galt er vermutlich als ungefährlich. Vor allem aber war er nützlich, denn Clavius kannte das Archiv beinahe besser als jeder andere. Genau deshalb hatte man ihn gebraucht, als die alten Bestände gesichtet wurden. Bücher waren entfernt worden. Schriften über Magie, dunkle Rituale und andere Dinge, von denen die Kirche offenbar beschlossen hatte, dass sie dort nicht länger verbleiben sollten. Eric konnte sehen, wie schwer dem Jungen dieses Geständnis fiel, als hätte Clavius persönlich jedes einzelne dieser Bücher verbrannt. Dabei hatte er lediglich überlebt. Was hätte er tun sollen? Sich vor die Regale stellen und verlangen, dass man ihn gemeinsam mit den Büchern fortschaffte? Nein. Eric machte ihm keinen Vorwurf. Vielleicht musste Clavius das hören, vielleicht musste Eric es aber auch selbst hören. Sie alle hatten in der letzten Zeit Dinge getan, um irgendwie weiterzumachen. Also bat er den Jungen um Hilfe und beinahe im selben Atemzug darum, anschließend mit ihnen zu kommen. Zur Familie. Ob das klug gewesen war, wusste Eric nicht. Manchmal schien er in letzter Zeit schneller zu sprechen, als er nachdenken konnte, doch in diesem Moment wollte er vor allem eines nicht: noch jemanden zurücklassen. Solyana und Clavius gelang es schließlich tatsächlich, die Wache vor dem Archiv von ihrem Posten zu entfernen, und das erstaunlich problemlos. Eric hatte mit deutlich größeren Schwierigkeiten gerechnet und ein Teil von ihm hätte sie vermutlich sogar vorgezogen. Mit einer Wache konnte man umgehen. Mit dem Anblick des Archivs war das schwieriger. Es war leer. Nicht vollkommen, aber Eric kannte diese Regale. Er wusste, was dort gestanden hatte, und wo ein Fremder lediglich freie Stellen zwischen alten Büchern gesehen hätte, erkannte er all jene Schriften, die fehlten: Abhandlungen über Magie, Berichte, Aufzeichnungen über Kreaturen und Flüche, Wissen, das der Orden über Jahre und Jahrzehnte gesammelt hatte. Manche Regale waren beinahe vollständig ausgeräumt, während andere Bücher in Stapeln auf dem Boden lagen und offenbar noch darauf warteten, dass jemand über ihr weiteres Schicksal entschied. Ajahra und Cinis suchten, Eric ebenfalls. Nichts. Die Bücher, die ihrer Schwester vielleicht hätten helfen können, waren nicht mehr da. So viel Risiko, und wofür? Dann entdeckte er die Dokumente auf einem der alten Tische. Vivienne. Die Zeilen ließen ihn verstummen. Offenbar hatte die Kommandantin sich der Krone zur Kooperation angeboten, nachdem gegen weitere Ordensmitglieder Verfahren eingeleitet werden sollten, und offenbar hatte sie damit erreicht, dass zumindest viele der anderen gehen konnten. Nun saß sie in Wegesruh in Haft, während ein größeres Verfahren vorbereitet wurde. Eric las den Abschnitt noch einmal. Vater war verschwunden und damit hatte Vivienne seinen Platz eingenommen – nicht als Großmeister, sondern als jene Person, auf die nun alle zeigen konnten. Sie hatte für sie den Kopf hingehalten. Als Eric den anderen erklärte, was in den Dokumenten stand, bemühte er sich, ruhig und sachlich zu bleiben. Cinis fluchte, Clavius kämpfte wieder mit den Tränen, und Eric legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. Es war leichter, sich um ihn zu kümmern, als darüber nachzudenken, was Vivienne nun vielleicht ihretwegen durchmachen musste.