Der Schleier fällt

Der Sumpf atmete.

Wie ein lebendiges Wesen sog er Luft, ein modriger Hauch, der sich schwer durch die verfallene Welt wälzte. Die Luft war dick von Verfall und Schwefeldunst, durchtränkt von Moder, von jenem süßlichen Hauch der Verwesung, der sich wie ein Fluch über alles gelegt hatte. Kahle, knorrige Bäume deuteten an, dass hier einst ein üppiger Wald gestanden haben musste – vor Äonen, grün, voller Leben. Doch nun ragten nur noch bleiche, entlaubte Skelette in den wolkenverhangenen Himmel, wie zu Stein gewordene Leichen. Stumme Überreste einer glücklicheren Zeit, geraubt von der allumfassenden Finsternis, die diesen Ort seit Anbeginn zu umklammern schien.

Denn das Licht der Sonne berührte diesen Wald nicht. Dunkle Wolken, rußgrau und unbewegt, verschlossen den Himmel wie ein Sarkophag. Weder Sonnenlicht noch das Leuchten der Monde oder Sterne fand je seinen Weg hierher, als mieden jene Himmelskörper den Ort mit frommem Grauen. Als sei das Licht in all seinen Erscheinungen dem verhasst, was hier hauste.

Schaurige Pilze sprossen aus dem feuchten Boden – manche höher als die verbliebenen Bäume. Schirmlinge in allen Farben und Formen: eitrige, eiförmige Gebilde, gespickt mit Nadeln, aus denen stinkende Gase zischten. Pilze, umgeben von Sporennebeln, oder solche, die ein fahles, grünliches Leuchten ausstrahlten. Aus ihren Häuten wucherten Ranken, die an Tentakel erinnerten – schlaff, doch voller lauernder Regung, als folgten sie einem eigenen, monströsen Willen.

Der Pilzwald wirkte wie einem Fiebertraum entsprungen. Die wenigen Menschen, die in seiner Nähe lebten, flüsterten von Hexen, die Kinder stahlen, von Kreaturen, die im Nebel lauerten. Von Wanderern, die die Warnungen der Alten verlachten – und nie wiederkehrten. Sie erzählten von Schreien, roh und wild, die kein Tier hervorbringen konnte, von Irrlichtern, die mit flackerndem Schein in die kalten, nassen Abgründe lockten.

Der Pilzwald war ihr Reich. Ihr, seit jenem Tag, da sie aus den Bergen herabkroch – eine dunkle Silhouette, die ein Leichentuch über die Täler spannte. Mit ihr kamen Verfall, Tod und Stillstand. Im Laufe der Jahrhunderte trug sie viele Namen, doch heute kannte man sie als Amaure von Strang.

Inmitten des Sumpfes lag eine Lichtung. Dort stand eine Hütte – grotesk, halb aus brüchigem Stein errichtet, halb aus Pilzen und Wurzelwerk gewachsen. Aus einem übergroßen Pfifferling quoll Rauch wie aus einem Schornstein, und flackerndes Licht drang durch schiefe Fensterläden. Der Sumpf atmete erneut – und mit dem Wind kam ein Heulen, das nicht allein vom Wind herrührte. Nebel kroch durch das Unterholz, klammerte sich an die Hütte. Knorrige Äste reckten sich wie mörderische Krallen danach – als wollten sie ergreifen, was darin lauerte, doch wagten es nicht, aus Furcht vor eben dem, was dort weilte.

Ein Kessel stand auf dem Feuer, blubbernd, brodelnd, von unsichtbarer Hand gerührt. Sie stand davor – Amaure – die Lippen zu einer breiten, grinsenden Fratze verzogen. Wahnsinn loderte offen in ihrem Blick.

Da flitzte ein Wesen durch die offene Tür – begleitet von empörtem Grunzen.

„Da bist du ja, Schwein“, grollte sie, ihre Stimme tief, kratzig – wie kalte Asche oder alter Schnaps. Das Ferkel, klein und rosa, schnaubte tadelnd und schien zu zetern.

„Sei still, Schwein!“ Zorn blitzte in ihren Augen, und sie hob den Zeigefinger mahnend. Der Nagel, lackiert in schillerndem Blutrot, drehte sich langsam, immer wieder, während der Kessel zu kochen begann. Der Sud wirbelte schneller, grüne Lichter blitzten auf, und sie ergriff den heißen Eisenrand – ohne auch nur zu zucken.

Dann begann sie, zu sprechen – oder eher: zu singen, mit donnernder Stimme:


„Kessel lodert, Flammen lecken,

Züngeln hoch in feur’gen Ecken.

Krötenzunge, Flederflügel –

Kriechen in den brodelnd’ Tiegel.

Rabenklaue, Schlangenschuppe,

Drachenblut und Stachelpuppe.

Alptraumplagen ruf ich her,

Aus Rauch und Asche steigen mehr.

Spinnenfäden, Molchaugen,

Alraun’ und Gift, das Schlangen saugen.“


Mit jedem Vers warf sie neue Ingredienzen in den Kessel – groteske, makabre Dinge: Zungen, Klauen, Blut, Puppen, runzelige Wurzeln und finstere Tropfen aus dampfenden Phiolen. Und der Sumpf – er lauschte. Kein Tier regte sich. Kein Laut störte den Singsang, als hätte der Wald selbst das Atmen eingestellt.

Dann hob sie die Arme, und ihre Stimme verdunkelte sich:


„Höret, Schatten, was ich sprech:

Der Schleier fällt, das Siegel wech.

Was tief im Mauerwerk versteckt,

Sei nun vom alten Bann erweckt.

Im Herzen Stein, im Turm aus Zeit,

Ruht, was der Blick nie offen zeigt.

Doch nun, durch Blut und Zauberkraft,

Erwach, was tief im Innern schafft.

Ein Auge, das durch Wände sieht,

Ein Flüstern, das durch Ritzen zieht.

Entsteig dem Grund, o kaltes Licht –

Und offenbare dein Gesicht.“


Der Kessel schäumte über. Licht brach aus seinem Innern hervor – grell, unnatürlich. Dann: eine Gestalt. Ein Jüngling mit blondem Haar und blauen Augen, umgeben von alten Büchern, Folianten voller Schatten. Eine Kammer ohne Licht, geschwängert von dunklen Wahrheiten.

„Da bist du ja, mein kleiner Prinz“, säuselte sie und strich mit krummer Kralle über sein Bild im Kessel. „Bald ist es so weit, mein Schatz. Bald wirst du dein Schicksal erfüllen.“

Sie kicherte – hell und mädchenhaft – doch das Lachen wuchs, wucherte, wurde zu einem markerschütternden Kreischen, das selbst die Raben in Deckung zwang.

Plötzlich aber verstummte sie. Mit flacher Hand schlug sie auf die Oberfläche des Kessels. Der Sud schwappte über. Ihr Gesicht – eine Fratze aus Zorn.

„Was ist das!?“, fauchte sie, ihre Finger tanzten in krummen Gesten. Das Bild im Kessel flackerte. Zeigte etwas Neues: eine Stadt. Hohe Türme, geschäftige Straßen, Flüstern. Ein Gesicht – bis jetzt verborgen – offenbarte sich.

„NEIN! Das kann nicht sein!“, kreischte sie und riss den Kessel um.


Sie schrie.

Sie kreischte – auf eine Weise, wie es kein menschliches Wesen zu tun vermag. Es war ein Laut jenseits aller bekannten Sprache, jenseits aller Vernunft, ein raues, gurgelndes Aufbegehren, das dem Rachen eines uralten Albtraums entsprungen sein musste. Ihr Heulen fuhr durch den Wald wie ein unsichtbarer Schock, eine Welle des Wahnsinns, die jedes lebende Ding erschauern ließ. Die Raben auf den Ästen erstarrten, die Kröten verstummten, selbst die Sporenpilze zuckten zurück in sich selbst – als wollten sie sich unter dem fauligen Erdreich verkriechen.

Der Wald, der ohnehin schon wie tot gewirkt hatte, schien in jenem Moment noch toter, noch lebloser. Ein Ort, der nicht mehr atmete – sondern innehielt. Als hätte der Kosmos selbst den Atem angehalten.

Amaure wankte. Sie stolperte rücklings, ihre Bewegungen plötzlich schwer, entstellt, als sei ihr Körper nicht mehr an Raum und Form gebunden. Mit schleppenden Schritten erreichte sie den grob gezimmerten Tisch voller Fläschchen, Phiolen, Schädel, Döschen, Salben, getrockneter Gedärme, eingelegter Molche und winziger, starr blickender Augen, die in klarer Flüssigkeit trieben. Ihre Hand fuhr über das Holz, fegte alles in einem Akt blinder Raserei hinab, zerbarst Glas, zerschmetterte Gefäße, ließ schleimiges Fleisch und Asche über die Erde quellen. Dann brach sie halb über der Tischkante zusammen – keuchend, zitternd, bebend vor aufkochender Macht.

Das Ferkel, das sich bislang geduckt hatte, quiekte schrill und jagte in panischer Hast davon, während sich die Schatten in den Ecken regten. Nicht mehr bloß als das Echo des Feuers – nein, sie begannen sich zu bewegen.

Zuerst zuckend. Dann kriechend. Dann tanzend.

Die Schatten, die sich von ihrem Leib lösten, nahmen Formen an – grotesk, unbestimmt, wie hingetuschte Alpträume. Sie dehnten sich, zitterten, zuckten an den Wänden empor wie Glieder aus einer anderen Welt, lang und knochig, voller Münder, die sich dort öffneten, wo es keine Münder geben durfte. Augen, die blinzelten ohne Licht. Finger, die keine Knochen kannten.

Und Amaure selbst – sie veränderte sich.

Sie blähte sich auf, schien zu wachsen, dann wieder zu schrumpfen, ihre Haut pulsierte unter dem Druck namenloser Energien. Ihre Glieder wurden schlaff, dann wieder zuckend starr.

Ihre Stimme, wenn sie überhaupt noch eine war, ergoss sich in einem Laut, der klang wie das Wehklagen unzähliger Toter. Ein Chor der Verdammnis, der aus einem Abgrund heraufdrang, den kein sterblicher Verstand je hätte schauen dürfen.

Ihr Leib war nicht mehr ihr Leib – er war ein Ort.

Ein Ort aus schwärzlichem Teer, aus blubbernder, sich windender Masse. Ein Etwas, das kroch und sich selbst verzehrte.

Tentakel, schwappend und zuckend, sprossen dort, wo einst Arme gewesen waren. Ihre Augen schmolzen und wurden zu Löchern, aus denen ein grünlicher Dunst quoll. Ihre Haare loderten, brannten ohne Flamme, zuckten wie in Wasser. Und wo ihre Füße einst den Boden berührt hatten, bildete sich eine Lache aus schwärzlichem Schleim, aus der sich Gesichter erhoben – stumm schreiend, kurz aufkeuchend, dann wieder zerfließend.

Ein Donnern – tief, grollend – ließ die Hütte erbeben.

Die Mauern atmeten. Die Balken bogen sich wie unter unsichtbarem Druck, die Fenster barsten, Sporen und Asche wirbelten wie Schnee durch die Luft. Die Hütte dehnte sich aus, schien zu wachsen, zu schwellen, sich dann wieder zusammenzuziehen wie eine Lunge im Endstadium des Deliriums.

Tosende Winde fuhren durch die Ritzen, peitschten durch die Decke, rissen den letzten Schutz vor der Nacht hinweg. Die Feuerstelle, eben noch glimmend, explodierte in einem Wirbel aus grünen Flammen, die sich an der Decke lecken wollten.


Dann kam der Blitz.

Er war nicht hell. Kein göttliches Licht zerschmetterte die Dunkelheit – sondern ein fahler, kränklich grüner Zorn, der sich als Strahl aus reiner Verderbnis durch das Dach bohrte. Kein Grollen begleitete ihn – nur Stille. Tödliche, endgültige Stille.

Der Blitz traf sie in der Brust – oder was einst ihre Brust gewesen war – und schleuderte das pulsierende Etwas quer durch den Raum. Es krachte gegen einen Schrank, zerbrach das Holz wie morsches Laub.

Stille.

Doch dann – Bewegung.

Sie kroch. Sie kroch. Die Hände zu Klauen geformt, die Fingernägel gesplittert, die Haut rissig wie vertrocknete Erde. Ihre Masse wölbte sich nach vorn, schleppte sich über den Boden wie ein Schneckenleib aus Wut und Scham. Rauch stieg aus ihrem Rücken auf. Ihr Gesicht war ein Gewirr aus Muskeln, Zähnen und entstelltem Grimm.

„Rache… Rache…“, röchelte sie – gurgelnd, bluttriefend.

Und dann – erlöschte jedes Licht. Mit einem letzten Zucken erstarb der Glanz der grünen Flammen. Die Schatten verstummten. Die Ranken erstarrten. Der Nebel stand still in der Luft, als wäre auch er nur ein Teil des Zaubers gewesen, der nun zum Schweigen gezwungen war. Der Wald schwieg und atmete nicht mehr. Kein Laut war zu hören. Kein Insekt. Kein Wind. Kein Rascheln. Nur Schweigen. Totengleich. Endgültig.

Doch es war nicht das Ende. Nicht der Tod. Nicht die Ruhe. Es war nur… Die Ruhe vor dem Sturm. Und er …braute sich zusammen.